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Einblicke

Che bella familia – Italien hin und zurück

Che bella familia – Italien hin und zurück

Vor 64 Jahren bin ich als junges Mädchen in die Schweiz eingewandert. Es waren finanzielle Gründe, die mich bewogen einzureisen. Was ich dannzumal nicht für möglich gehalten habe, trat ein: Ich bin hier geblieben. Längst ist mir die Schweiz zur Heimat geworden.

Ich heisse Josephina und bin 1934 in Albi in Frankreich geboren. Albi liegt rund 80 Kilometer nordöstlich von Toulouse in der Mitte Südfrankreichs. Meine Eltern stammten ursprünglich aus Italien. Mein Vater arbeitete als Gastarbeiter in einer Kohlengrube, meine Mutter war in einem Haushalt angestellt. Auch mein Onkel lebte mit seiner Familie in der Region von Toulouse. Er war der Grund, dass meine Eltern nach Frankreich auswanderten.

Der Krieg war ausgebrochen

Doch dann kam der Krieg. Das war 1939. Sofort hiess es: Alle Ausländer raus! Wer bleiben wollte, hatte die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Meine Eltern entschieden sich, ihre Zelte hier wieder abzubrechen und nach Hause zu fahren. Beide stammten aus dem Trentino, einer Provinz direkt unterhalb von Südtirol gelegen. Nur mein Onkel blieb. Seine Kinder waren bereits schon grösser, besuchten die Schule und waren mit dem Ort verwurzelt.

Zurück nach Hause

Zurück in Italien bekam mein Vater Arbeit in einem Steinbruch. Doch nur für kurze Zeit, der Krieg machte sich auch daheim in Italien bemerkbar. Als junger Mann hatte Vater Dienst in der italienischen Armee gemacht. Jetzt, mitten im Krieg, wurde er als Gebirgssoldat, als sogenannter Alpini, bei Südtirol an die Grenze gestellt. Während der ganzen langen Kriegsjahre war er im Dienst und wir wussten nicht, ob wir ihn je wiedersehen würden. Weil er an Asthma litt – durch seine Arbeit im Kohlenbergwerk – wurde er noch vor Kriegsende aus dem Aktivdienst entlassen und kam nach Hause. Noch heute sehe ich das Bild vor mir, wie ich als junges Mädchen im Garten stand und er mit dem Koffer in der Hand zum Haus marschierte. So unverhofft und unerwartet. Die Freude war gross. Sofort nahm Papa die Arbeit im Steinbruch wieder auf. 1941 wurde meine Schwester geboren. Ich war nun sieben Jahre alt. Wie bei allen Geburten in jener Zeit, gebar auch meine Mutter ihr Kind daheim. Die Hebamme kam nach Hause, und ich wurde derweil zur Nachbarin geschickt. Dort erfuhr ich dann ganz unerwartet, dass Mama ein Baby bekommen werde. Ich freute mich riesig.

Alltag

Doch noch war Krieg. Er bestimmte unser ganzes Fühlen und Denken. Ich hörte und sah die schweren Bomber, die den Brenner überflogen. Die Kriegslinie befand sich ganz in unserer Nähe: Trento, Bozen, Innsbruck. 1943 wurde Trento bombardiert. Ich habe alles mitbekommen. Wir lebten nur gerade eine halbe Stunde von der Stadt entfernt in einem kleinen Bergdorf. Wir hörten die Flugzeuge kommen und hörten, wie die Bomben fielen. Dieser Moment löste Angst aus. Immer wieder kam es vor, dass die Lehrer uns während der Schulzeit gar nicht in die Pause entliessen, sondern im Haus behielten. Der Krieg war allgegenwärtig. Ich kann nicht sagen, dass wir Angst hatten. Der Krieg war für uns Kinder Alltag. Er gehörte einfach dazu, wir kannten ja nichts anderes. Mit meinen Spielkameraden und Freundinnen redeten wir wenig darüber. Er war einfach da und wir hatten uns damit abgefunden. Ich weiss nicht, wie es den Erwachsenen dannzumal ergangen ist. Ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern nicht unbedingt grosse Angst hatten. Oder aber sie liessen sie uns nicht spüren. So hatte ich, Krieg hin oder her, trotz allem eine schöne Kindheit. Meine Mutter war so eine herzliche Person. Immer wieder kamen Nachbarn zu uns und wollten ihr erzählen. Mutter war eine gute Zuhörerin.

Nach dem Krieg

Mit dem Ende des Krieges kamen die Amerikaner. Von Bozen her verschoben sie ihre Truppen gegen Norden und drängten die Deutschen zurück nach Hause. Diese Bewegungen nahmen wir sehr wohl wahr, und manchmal verirrten sich auch amerikanische Soldaten in unser kleines Dorf, doch zum Glück passierte nie etwas. Mutter schärfte uns immer ein, aufzupassen und nie mit jemandem mitzugehen. 1945 wurde meine jüngste Schwester geboren, wie bei Cinzia fand auch diese Geburt bei uns daheim statt. Und wieder ging ich, diesmal zusammen mit Cinzia, zur Nachbarin, um zu spielen und zu warten. Dann war Rosa da und wir freuten uns riesig. Schon am nächsten Tag stand Mutter wieder wie gewohnt in der Küche und war am Arbeiten. Das war einfach so. Verlief die Geburt ohne Komplikationen, hatte die Frau am nächsten Tag wieder ganz normal zu funktionieren.

1949, an dieses Jahr erinnere ich mich, weil Rosa, dannzumal vier Jahre alt, zunehmend schwere Angstzustände bekam. Ärzte untersuchten sie, und bald einmal wurde der Verdacht laut, dass sie einen Gehirntumor haben könnte. Um dies abzuklären, wurde Rosa ins Spital eingewiesen. Man wollte eine Rückenmarkpunktion durchführen. Dabei musste ein Fehler passiert sein. Denn Rosa wurde nach Hause entlassen und konnte von da an nicht mehr gehen. Sie war gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Das war eine grosse Tragödie, meine Eltern standen unter Schock und wussten in ihrer Verzweiflung nicht mehr weiter. Sie standen in ihrer Not ganze alleine da. Da gab es keine Stelle, die sich um die Not der armen Bergler-Familie kümmerte. Nun muss man wissen, dass Rosa nicht nur gelähmt blieb, sondern sich von da an auch geistig anders entwickelte. Zunehmend spürte die Familie, dass sie behindert war und blieb, körperlich wie geistig. Für uns «grosse» Schwestern hiess dies, zu Hause noch mehr anzupacken und mitzuhelfen. Vater war den ganzen Tag ausser Haus am Arbeiten und Mutter stand mit ihren drei Mädchen ganz alleine da. Dannzumal hiess es einfach, Rosa sei «mongoloid», und wir nahmen es einfach hin. Rosas Erkrankung war in unserer Familie kein Thema mehr. Warum auch? Sie war nun behindert und damit lebten wir einfach weiter. Wir hatten keine andere Wahl. Mutter hatte nie gejammert. Ich hatte sehr liebe Eltern und sie waren sehr fleissig, und so war auch mir keine Arbeit zu viel. Wir hielten vier Geissen. Mit denen marschierte ich regelmässig in den Wald zum Fressen. Diese Arbeit war für mich gleichbedeutend mit etwas Freiheit und Ruhe.

Freunde, Ausgang und Tanzen

1952. Nun war ich 18 Jahre alt und begann mich für anderes zu interessieren als nur Schule und Arbeit. Mit einer Freundin war ich dann und wann am Abend unterwegs. Wie alle in diesem Alter hatten wir Freude am Tanzen. Wir tanzten viel, zum Beispiel zu italienischer Mazurka, Walzer und Tango. Wir hatten unseren Spass, und ich tanzte am liebsten mit meinem Schätzeli. Doch das war eine rein platonische Liebe, aus der dann doch nichts wurde.

Ab in die Schweiz

1954 reiste ich zusammen mit einer Freundin in die Schweiz. Eine Frau aus dem Dorf wusste, dass man in der Schweiz Arbeiter suchte. Italien hatte nach dem Krieg zu kämpfen, die Arbeitslosigkeit war hoch, vor allem auch bei uns in den Bergen. Also wollten wir es, wie viele andere Landsleute auch, einmal im nahen Ausland versuchen. Für mich war klar, dass ich versuchen wollte, die Schulden zu tilgen, die meine Eltern wegen ihres Hausneubaus hatten. Mit dem Zug reisten wir über Chiasso in die Schweiz ein. An der Grenze wurden wir zurückbehalten. Wir mussten uns ausziehen und wurden untersucht. Dann kam ich weiter ins Toggenburg. Hier bekam ich Arbeit in einer Stickerei. Zu zweit lebten wir in ganz bescheidenen Verhältnissen, bei einer Frau in einem Zimmer. Wir sprachen beide kein Wort Deutsch. Doch im Dorf gab es noch mehr Italiener, die halfen uns während der Anfangszeit. Wir arbeiteten Schicht. Es herrschte Hochkonjunktur in der Textilbranche. Wir hatten viel Arbeit und es gefiel uns sehr. Ich verdiente pro Stunde 1.12 Franken. Das war viel für uns. Die Firma hatte so viel Arbeit und war froh um jede Mitarbeiterin, die aus Italien kam. Und so gab es in jener Zeit in diesem Dorf sehr viele italienische Gastarbeiter. Ich war weit weg von daheim und doch nicht fremd. Es gab ja viele Landsleute. Auch hier blieb das Tanzen meine liebste Freizeitbeschäftigung. An manchen Wochenenden waren wir Freundinnen unterwegs, und so lernte ich 1956 meinen jetzigen Mann Anton kennen. Er war erst 19 Jahre alt, also drei Jahre jünger als ich. Wir sahen und verliebten uns sehr rasch ineinander.

Ferien in Italien

Wie jedes Jahr, fuhr ich regelmässig zu meiner Familie nach Italien. Dieses Mal aber folgte mir Anton mit seiner Lambretta nach. Er fuhr über den Ofenpass, eine beschwerliche Fahrt. Es gab zu jener Zeit kaum Asphaltstrassen, sondern weite Wegstrecken hinweg nur unebene Naturstrassen. Doch diese Fahrt hatte ihm nichts ausgemacht. Noch heute schwärmt er von seiner ersten Fahrt nach Italien, wie sehr sie ihm gefallen habe und wie toll es für ihn war, bei uns im Dorf anzukommen. Anton fühlte sich vom ersten Tag an wohl im Trentino. Wenn wir heute in mein einstiges Heimatdorf fahren, dann dauert der Weg nurmehr 4½ Stunden. Ja, so ändert sich die Zeit. Wir hatten wunderschöne gemeinsame Ferien und genossen die Zeit. Anton wurde von meiner Familie mit offenen Armen aufgenommen. Anton war sehr unkompliziert; obwohl er kein Wort Italienisch sprach, begann er sofort mit den Menschen dort zu reden, mit den Händen und den Füssen und seinen ersten wenigen italienischen Brocken. Und wir beide? Wir waren soo verliebt! Ferien hiess nicht einfach «dolce far niente», ganz selbstverständlich half ich daheim, so gut ich konnte. Zum einen war die Familie dankbar für das Geld, das ich nach Hause brachte, zum anderen stand ich dann wie früher unten am Fluss und wusch die Wäsche. Heute kann man sich diese Arbeit kaum mehr vorstellen, alles, aber wirklich alles wurde am Fluss im kalten Wasser gewaschen, Leintücher ebenso wie schmutzige Windeln. Einzig der Abschied war schwer. Die Eltern hatten überhaupt keine Freude, dass ich wieder in die Schweiz zurückfuhr.

Hochzeit mit Anton

Zurück im Toggenburg wurde Anton ins Militär eingezogen. Danach heirateten wir. Weil er, der Toggenburger, evangelisch war und ich katholisch, mussten wir in jenen Jahren lange nach einem  Pfarrer suchen, der bereit war, uns ökumenisch zu trauen. Schliesslich fanden wir einen Geistlichen in Rapperswil.

Wie ein wunderschöner Traum

Zur Hochzeit reisten auch meine Eltern her. Antons Schwiegervater und seine vielen Geschwister waren auch mit dabei. Die Schwiegermutter, also Antons Mutter, war zuvor gestorben. Sie war lange krank. Mein Chef von der Stickerei fuhr uns mit seinem Plymouth zur Hochzeit. Ein Kollege von Anton und Antons Schwester waren unsere Trauzeugen. Gefeiert wurde in einem Restaurant im Neckertal. Das Restaurant wurde von einer Schwester von Anton und deren Mann betrieben. Antons ganze Familie war anwesend. Er hatte sechs Geschwister, und alle waren verheiratet. Anton war der zweitjüngste. Es war ein tolles Fest. Eine einheimische Musik aus dem Toggenburg spielte zum Tanz auf. Anton und ich haben bis spät in die Nacht hinein getanzt. Jene Nacht vom 4. Januar 1958 war wie ein wunderschöner weisser Traum. Drinnen tanzten wir und draussen fiel der Schnee. Die Heimkehr war etwas beschwerlich und mühsam. Aber gestört hatte es uns gar nicht, wir waren einfach nur glücklich.

Alltag zu zweit

Zurück im Toggenburg begann für uns nun der Alltag. Wir hatten gemeinsam eine kleine Wohnung gemietet. Ich genoss diese Zeit, sie war so unbeschwert und schön. Meine Eltern lebten noch eine Woche bei uns, dann fuhren sie mit Tränen in den Augen zurück nach Italien. Der Abschied war schwer und ich spürte, wie sie litten. Von nun an war klar, dass sie ihre älteste Tochter für immer an die Schweiz verloren hatten. Später, wenn wir sie besuchten, sagte meine Mutter jeweils ganz versöhnt, sie habe zwar ihre Tochter an die Schweiz verloren, dafür einen Sohn gewonnen. Sie liebte Anton sehr.

Mutter erhalten geblieben

Acht Jahre nach mir reiste auch Cinzia in die Schweiz ein. Das war im Sommer 1962. Für ganze zwei Jahre blieb sie bei uns wohnen und fand ebenso im Tal Arbeit. Ich war zu jener Zeit mit unserem ersten Kind schwanger, und Cinzia war mir in dieser Zeit eine grosse Hilfe. Im Dezember kam unsere Tochter Daniela zur Welt. Es war extrem kalt, im Toggenburg ohnehin. Es war Winter 1962/1963, ein Winter, der Rekorde schlug: Die Schweizer Seen gefroren und wir hatten in der Wohnung keine Zentralheizung, ein Kachelofen musste genügen. Weil wir trotzdem froren und nun auch unser Baby da war, kauften wir einen Elektroofen und stellten ihn ins Schlafzimmer. Doch es war in diesem Winter so kalt, dass im Haus das Wasser einfror. Wir hatten grosse Mühe, unser Daheim warm zu halten. Anton und Cinzia holten Tag für Tag draussen beim Brunnen das Wasser für den täglichen Bedarf. Es war eine sehr strenge Zeit. Die Windeln mussten wie eh und je von Hand gewaschen werden, der Schnee stand meterhoch und durch die weiterhin bestehende klirrende Kälte blieb ich mit unserer Daniela rund drei Monate permanent im Haus. Von der «Bodensee-Gfrörni» vernahm ich aus dem Radio, selber war ich nicht da. Es war soo kalt. Wie wir vier in dieser kleinen kalten Wohnung überlebt haben und dass die Stimmung trotz allem gut geblieben ist, darüber staune ich heute noch. Es war streng und wir lebten einfach, doch das waren wir uns einfach gewohnt.

Oh, che bella Italia

Als Cinzia zwei Jahre später wieder einmal nach Hause reiste, um die Familie zu besuchen, nahm ihr Mutter den Ausweis weg und versteckte ihn. Sie wollte unter keinen Umständen noch eine Tochter in die Schweiz verlieren. Wir hatten gelernt zu gehorchen, und Cinzia blieb. Wie und mit welchen Gefühlen, weiss ich nicht. Später heiratete sie dann einen Mann aus dem Dorf. Sie war Mutter «erhalten» geblieben. Im Frühjahr 1965 kam unsere zweite Tochter Sandra zur Welt. Sie war ein Schrei-Baby und benötigte dadurch sehr viel Aufmerksamkeit. Es war vor Ostern. Anton und ich reisten zu den Feierlichkeiten mit unseren beiden Mädchen nach Italien. Das war der Moment, wo wir den Eltern unser zweites Mädchen zeigen wollten. Damit ich mehr Zeit für Sandra hatte, bot Mutter mir an, Daniela für ein paar Wochen bei sich zu halten. Daniela liebte Nonna und so sagte ich zu. Nun konnte ich mich ganz auf die Bedürfnisse meiner Zweitgeborenen einstellen und kam selber etwas zur Ruhe. Während der Sommerferien fuhren Anton und ich wieder nach Italien und holten Daniela ab. Sie verstand mittlerweile kein Wort mehr auf Deutsch und redete fliessend Italienisch. Wir fanden das ganz lustig.

Unsere kleine Welt

Im Sommer 1970  kam unsere jüngste Tochter Raphaela zur Welt. Weiterhin war es so, dass Anton Vollzeit arbeiten ging, während ich ganz zu Hause blieb und für unsere drei Mädchen sorgte. Ich genoss die Kinder über alle Massen. Ich vermisste in dieser Zeit einzig meine Mutter. Sie war so weit, ein kurzer gegenseitiger Besuch war nie möglich. Mittlerweile sprach ich gut Schweizerdeutsch, fand im Tal liebe Menschen, gute Freundinnen und fühlte mich sehr gut integriert und aufgenommen. Aber meine Mutter kann niemand ersetzen, vor allem dann nicht, wenn man selber Kinder hat. Anton spürte dieses Heimweh und fuhr mich zusammen mit den Kindern drei bis viermal im Jahr an die Grenzen beim Ofenpass. Hier wurde ich vom Schwager mit seinem Auto abgeholt. Hatte Anton dann ebenso Ferien, folgte er uns nach. Ich war froh und sehr dankbar, dass Anton während der ganzen Zeit so viel Verständnis für meine Situation aufbrachte und mich unterstützte, wo er nur konnte. Ich hatte beziehungsweise habe noch einen sehr guten Mann. Er spürte mein zeitweises Heimweh und sorgte dafür, dass ich immer wieder mal nach Hause durfte.

Erneuter Wechsel

1973 zogen wir in eine Stadt. Anton fand hier eine sehr gute Arbeit und hatte von nun an ein besseres Einkommen. Doch nun waren es die Kinder, die litten. Sie vermissten ihr Toggenburg, die Berge und ihre Freunde. So machte ich mit 36 Jahren noch den Führerschein und fuhr nun mit den Kindern regelmässig an ihren schulfreien Nachmittagen hoch ins Tal. An den Wochenenden war Anton mit dabei, dann besuchten wir unsere Familie, Freunde und Bekannte, fuhren Ski oder wanderten. Es war schwer für uns alle. Wir mussten uns am neuen Ort wieder komplett auf neue Menschen einstellen. Doch auch das schafften wir. Wir lebten uns ein, die Kinder fanden neue Freunde, fühlten sich bald wohl im Ort, und auch ich war bald im Quartier sehr gut integriert. Da gab es so viele Kinder und viele Mütter im gleichen Alter, wir waren bald wie eine verschworene gute Gemeinschaft.

Hin und zurück

Tradition war weiterhin, dass wir dreimal im Jahr nach Italien fuhren und meine Familie besuchte. Später, als die Kinder erwachsen waren und von daheim auszogen, fuhren Anton und ich über viele Jahre hinweg den ganzen Sommer über ins Trentino. Wir genossen diese Wochen immer sehr, vor allem Anton wollte manchmal gar nicht mehr zurückkommen. Jetzt sind wir alt und das eine oder andere Wehwehchen macht sich bemerkbar. Wir haben unsere langjährige Wohnung aufgegeben und sind in eine kleinere Alterswohnung umgezogen. Noch heute machen Anton und ich alles gemeinsam. Weiterhin reisen wir regelmässig nach Italien, geniessen aber auch die gemeinsame Zeit hier in der Schweiz. Mittlerweile sind wir seit vielen Jahren Grosseltern und seit diesem Jahr haben wir auch eine Urenkeltochter: Marina. Sie ist unser ganzer Stolz und wir sind sehr glücklich.

Wenn ich noch einmal von vorne beginnen müsste

Ob ich mich heute wieder für diesen Schritt in die Schweiz entscheiden würde? Es gab eine Zeit, in der ich es bereute, so weit weg von den eigenen Eltern und der Familie zu leben. Ich vermisste sie sehr und fühlte mich so zerrissen: Hier lebte ein Teil der Familie und dort ebenso. Es war eine strenge Zeit. Jetzt aber geniesse ich die Zeit mit meinem Mann Anton und denke: Es war gut so, wie es war. Wir hatten ein gutes Leben, wir haben drei gute, gesunde Töchter und ein Leben in Zufriedenheit. Ich geniesse meine Enkel und meine Urenkelin und bin sehr glücklich.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

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