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Die berühmte Nadel im Heuhaufen

Die berühmte Nadel im Heuhaufen

Vier Jahre lang habe ich all diese Geschichten gelesen und mich gefragt, ob ich erzählen soll oder nicht. Soll ich von jenen Gefühlen erzählen, die mich seit meinem 23. Lebensjahr berühren? Kein Mensch ahnt und weiss davon. Ich werde mich hüten, es zu tun, denn ich würde nicht verstanden werden, ich würde meine Kinder brüskieren und meine Frau ebenso. Ich würde meine nächsten Menschen vor den Kopf stossen und meine Familie.

Dennoch hat es gut getan, einmal zu erzählen, was tief im Innersten schlummert und wie ein Schatz verborgen gehalten wird.

Mein Beruf

Ich war 21 Jahre alt, als ich, frisch aus der Lehre, meine erste feste Anstellung bei einem Elektrounternehmen fand. Unsere Firma hatte einen Hauptsitz und verschiedene Filialen. Ich war im Hauptsitz tätig. War Ferienzeit, dann wurden wir je nach Auftragslage in die eine oder andere Filiale zur Aushilfe eingeteilt. Das fand ich spannend. Eine dieser Filialen lag mitten im Tal in einem 1200-Seelen-Dorf. Nach drei Jahren verschlug es mich ganz dorthin. Den Weg bewältigte ich stets mit dem Postauto.

Fahrt zur Filiale

Wir waren rund zehn Personen, die jeden Morgen mit dem Postauto den Weg ins Dorf fuhren. Das Postauto war beinahe leer, während jenes Postauto, das uns entgegenkam, stets voll besetzt war. Alles fuhr in die Stadt, vor allem die Jungen. Wir zehn hatten unsere festen Plätze. Jeder in einer anderen Ecke und jeder sass, mit Buch oder Zeitung «bewaffnet», still für sich da. Wir kamen ausser «Grüezi» oder «Adieu» nie ins Gespräch.

Peinlich, peinlich

Eines Tages stieg eine Schulklasse ein. Wanderschuhe und Rucksack zeigten, dass sie auf der Schulreise waren. Rasch war das Postauto voll, nur der Sitz neben mir war noch frei. Gut so, dachte ich und legte meine Mappe hin und vertiefte mich in die Zeitung, als schon eine freundliche Stimme fragte: «Ist bei Ihnen noch frei?» Etwas unwillig schob ich die Mappe weg und brummelte so etwas wie ein «Ja!» «Morgen setze ich mich dann wieder auf meinem Platz», sagte die Stimme. Ich schaute etwas verlegen auf. Sie hatte meinen Unwillen gespürt. Peinlich. Noch peinlicher wurde mir, als ich sah, wer neben mir sass: Das junge Mädchen von der Verwaltung.

«’S isch nöd so gmeint», entschuldigte ich mich, und weil ich nicht mehr weiter wusste, versenkte ich meinen Kopf wieder in der Zeitung. Man hat damals noch nicht so locker Gespräche begonnen, weder mit Fremden und schon gar nicht mit dem anderen Geschlecht.

Adieu», lachte das Mädchen, als das Postauto auf dem Dorfplatz hielt. «War nett bei Ihnen», war das nun eine Anspielung?

Ich war froh, als das Postauto dann wieder in der üblichen Belegschaft zum Dorf fuhr. Jeder hatte seinen Platz, alles war wie gewohnt. Das junge Fräulein aber lachte mir von da an immer freundlich zu. Doch noch einmal nebeneinander sitzen, das kam nicht in Frage. Ich «Hasenfuss» wollte Zeitung lesen und sie hatte so viel Charakter, mich dabei nicht zu stören.

Ein Jahr später war es dann so weit: Das Gemeindehaus bekam eine neue Beleuchtung. Von da an waren wir stets drei Mann im Gemeindehaus. Wir setzten neue Leitungen und wechselten alle Lampen aus. Moderne Neonleuchten waren gefragt. Die Büroräume sollten auch im langen dunklen Winter hell und freundlich sein. «Sie» sass  in der Einwohnerkontrolle und lachte mir freundlich zu. War Pause, sassen wir Handwerker bei ihr zum Kaffee.

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Im Geheimen

Ein Wort gab das andere und irgendwann fragte ich sie, ob sie nach Feierabend auch Kaffee trinke. Sie antwortete prompt: «Wenn ich dazu eingeladen werde, schon.» Diese Anspielung nahm ich wörtlich. Auf der Heimfahrt im Postauto fragte ich sie eines Abends, ob sie Zeit hätte. Und sie hatte. Dann ging es ganz rasch. Wir trafen uns regelmässig und wurden ein Paar. Nur, damals machte man dies nicht öffentlich. Man traf sich eher so nebenbei oder im Geheimen. Ihre Eltern durften nichts wissen, sie war erst 19 Jahre alt. Das hiess, sie war noch minderjährig.

Schwanger!

Wie es halt so ist, irgendwann wurde mehr daraus und wir trafen uns nicht mehr nur zum Kaffee. Es waren wunderschöne Stunden. Bis dann der Moment kam und sie mir gestand, dass sie von mir schwanger sei. Wie erschrak ich! Sie noch in der Ausbildung, und ich erst kurz die Ausbildung beendet, mit einem viel zu kleinen Lohn! Die nächsten Tage sah ich sie nicht mehr im Postauto. Sie schien krank zu sein. Mich bei ihr zu melden wagte ich nicht. Nicht nach dieser Hiobsbotschaft. Ich fragte in der Verwaltung nach, wo denn das Fräulein sei. «Nicht da», lautete die lapidare Auskunft des Gemeindeschreibers.

Wo war sie?

Auf die Frage, wann sie denn wieder käme, antwortete er nur: «Kann ich  hellsehen?» Ich wusste, in welcher Stadt sie wohnte, nicht aber die Adresse. Wir hatten die Adressen nie ausgetauscht, sie wollte unsere Beziehung nicht bekannt machen. Wir trafen uns auch nie an ihrem Wohnort. Ich schaute im Telefonbuch nach. Ihren Familiennamen fand ich 31 Mal. Immer wieder fand ich mich bei der Gemeinde ein, bis der Gemeindeschreiber mir schliesslich klipp und klar sagt: «Falls diese Belästigung nicht endet, werde ich Sie melden.» Es konnte doch nicht sein, dass ich nicht mehr an sie herankam! Was tat sie nun? Wo war sie? Würde sie das Kind behalten wollen? Würde sie abtreiben? War sie überhaupt schwanger?

Suche nach ihr

Ich begann im Telefonbuch nach ihr zu suchen und begann zu telefonieren. Doch niemand kannte sie oder schien sie zu kennen. Nach drei Wochen hatte ich alle 31 Haushalte durch – vergeblich. Niemand kannte sie. Auf der Gemeinde erfuhr ich nach vier Wochen, dass dieses Fräulein hier nicht mehr arbeite. Aus Datenschutzgründen war es nicht möglich, mir weitere Auskünfte oder eine Telefonnummer zu geben. Sie war für mich verschwunden und verschollen. Immer wieder fuhr ich in die Stadt und suchte sie. Ich suchte nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Ich gab Annoncen auf, ich fragte in den Schulen nach. Nichts.

Heute

Ich habe sie nie mehr getroffen. Ich weiss bis zum heutigen Tag nicht, ob sie wirklich schwanger war oder ob sie abgetrieben hatte. Vielleicht bin ich Vater einer heute 54 Jahre alten Tochter oder eines Sohnes. Warum hat sie sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr gemeldet? Warum gab sie mir nicht einmal die Möglichkeit, gemeinsam zu überlegen, wie es weitergehen soll? Ich habe sie vermisst. Ich habe sie beweint. Ich habe es nicht verstanden, und ich war wütend. Wütend, dass sie einfach verschwunden war und mich im Ungewissen liess. Wie konnte sie nur!

Ich hatte nie mehr eine Affäre mit einer Frau, bis ich meine heutige Ehefrau kennenlernte. Mit 31 Jahren heiratete ich, mit 32 Jahren wurde ich Vater von einem Sohn, später folgten noch weitere Kinder. Wie viele möchte ich nicht sagen.

Meine Frau hat keine Ahnung. Ich fand nie den Mut und den Moment zu sagen, dass ich vielleicht, aber nur vielleicht, schon Vater bin.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

Ich muss hinaus in die weite Welt

Ich heisse Susanne, bin 1941 im Appenzellerland aufgewachsen und war von Beruf Krankenschwester. Während meiner Ausbildung besuchte ich regelmässig die Proben eines Chors. Sie waren für mich eine Möglichkeit, mich ausserhalb des Spitalcampus mit der Stadt und ihren Menschen vertraut zu machen. Ich kannte niemanden und ich fühlte mich sehr alleine. Auch im Personalhaus fühlte ich mich anfänglich sehr fremd. Das Haus war düster und kahl, die unregelmässigen Arbeitszeiten verhinderten viele Kontakte.

«Mann-oh-mann!»

Wie sich die Rolle des Mannes in wenigen Jahrzehnten verändert hat und wie der «moderne» Mann damit umzugehen weiss. Oder eben auch nicht. Eine Bestandesaufnahme (Teil 1).

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