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Einblicke

Diese schweren Schatten der Kindheit lassen sich nicht abschütteln

Diese schweren Schatten der Kindheit lassen sich nicht abschütteln

Ich freue mich, dass ich Ihnen meine Geschichte erzählen kann. Es geht mir nicht immer gut. Meine Frau will meine Geschichte nicht mehr hören und den Kindern möchte ich sie nicht erzählen, weil sie alles andere als schön ist: Denn ich hatte eine schreckliche Kindheit.

In meinem Alter hat man nicht mehr viele Freunde und man will vor allem auch mit niemandem über die früheren Jahre reden. Vor allem wenn sie nicht gut waren.

Ich wurde 1942 in Argentinien geboren, als Kind Schweizer Auswanderer. Meine Ge­burt stand unter keinem guten Stern: Ich war kein gewünschtes Kind. Nach 50 Jahren haben meine Frau und ich durch einen Zufall heraus erfahren, was dannzumal genau gelaufen war. Eine Bekannte, die nur gerade acht Jahr älter ist als ich und zur selben Zeit wie ich in Argentinien lebte, erzählte es mir. Auch sie ist Schweizerin und auch ihre Eltern waren ausgewandert. Was mit mir war, hat sie alles live miterlebt. Meine Mutter hatte in Argentinien bereits drei Abtreibungen vorgenommen. Die vierte Nadel allerdings ging daneben, und so kam ich zur Welt. Meine Mutter war wütend über diese Geburt, sie wollte mich nicht, und so hatte ich ihren Frust und ihren Ärger zu ertragen, schon von früh auf. Ich hatte Glück durch meinen Bruder, der bereits zwei Jahre älter war und mich, wenn immer möglich, schützte. Meine Mutter schlug mich mit dem Holzprügel und stach ein paar Mal mit dem Messer auf mich ein. So sehr war ich ihr im Weg. Ich glaube, sie hat mit meinem Leben gespielt. Wäre ich gestorben, wäre ein Ärgernis weniger da gewesen. Die Wunden von ihren Messerstichen sind heute noch zu sehen. Sie sagte mir auch immer wieder, dass ich mich aufhängen solle, ich sei ohnehin im Weg. Das ging tief.

Meine Familie, ihre Geschichte

Nur drei Jahre vor meiner Geburt, 1939, wanderten meine Eltern nach Argentinien aus. Nicht ganz so freiwillig. Es war mehr eine Flucht aus den strengen Normen unseres Landes. Meine Mutter war schwanger mit meinem älteren Bruder Peter. Diese Schwangerschaft war eine Schande für die Grosseltern mütterlicherseits, denn meine Eltern waren zu jenem Zeitpunkt noch nicht verheiratet. Peter kam zwei Jahre vor mir zur Welt, und im Gegensatz zu mir war er ein Wunschkind. Wie es anfänglich in Argentinien war, wie meine Eltern lebten und was sie machten, weiss ich nicht. Peter will heute darüber nicht mehr berichten. Auf meine Fragen erhalte ich keine Antwort. Er sagte nur, dass er selber sehr gelitten habe und dass ich doch dazu bitte keine Fragen mehr stellen solle.

Zurück in die Schweiz

1946 kamen wir wieder in die Schweiz zurück und lebten fortan in der Nähe von Chur. Dort kamen in den nächsten acht Jahren meine Schwester, mein zweiter Bruder und meine zweite Schwester zur Welt. Eigentlich wären wir nun eine kompakte Familie gewesen. Alles hätte so gut sein können. Alle Kinder waren vom selben Vater. Aber eben: Das Schicksal wollte es anders mit uns, vor allem aber mit Peter und mir. Mutter hatte nie Zeit (oder wollte sich keine nehmen) für unsere jüngeren Geschwister. Es war für sie klar, dass Peter und ich für deren Erziehung da sein mussten. Doch anstelle eines Dankeschöns bekam ich Schläge. Sie schlug mit allem, was sie fand, auf mich ein, rigoros und boshaft, ganz so, als wäre ich für ihr Leid verantwortlich. Alles, was sie im Moment ihres Zorns in die Finger bekam, verwendete sie gegen mich: Dachlatten, Blumenkübel, Holzschläger und anderes mehr. Peter schaute, wenn immer möglich, dass er dann in der Nähe war, um mich zu schützen. Aber Mutter war schlau. War er weg, schlug sie zu. Sie hatte Angst vor ihm. Er war gross und kräftig und beschützte mich, so gut er konnte. Dafür war ich ihm stets sehr dankbar.

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Unsere Kindheit

Peter und ich mussten hart arbeiten. Unsere Eltern hatten kaum Geld, und das Wenige reichte kaum zum Überleben. Im Winter schickten uns die Eltern in unserer Freizeit in den Wald, um Holz zusammenzutragen. Daraus machten wir sogenannte «Wellen», das sind Holzbürdeli zum Heizen. So mussten wir nicht frieren. Während der Sommerferien hatten wir zehn Ster Holz zu spalten, die Vater und Grossvater dann verarbeiteten. Auch dieses Holz diente im Winter zum Heizen und vor allem auch zum Kochen. Vater baute in jener Zeit ein Sanitärgeschäft auf, und da war es selbstverständlich, dass wir in seiner Werkstatt mithelfen mussten. Wir wurden wie kleine Handlanger für die verschiedensten Arbeiten hinzugezogen. Dann hatten wir noch rund 200 Hühner, die wir füttern und misten mussten, ebenso rund 50 Kaninchen. Hatten wir mal eine Stunde Zeit, dann waren Peter und ich draussen bei den anderen Kindern und spielten Ball. Doch kaum sah uns unsere Mutter, pfiff sie uns wieder ins Haus zurück und deckte uns mit Arbeit zu. War ich nach ihrem Rufen nicht sofort zur Stelle, traktierte sie mich sofort wieder mit Schlägen, und dabei nahm sie immer einen Schlagstock zur Hand, ein Holzscheit, einen Besen, was immer ihr dann in die Hände kam.

Endlich erwachsen

Als ich zwanzig war und somit volljährig, zog ich sofort von zu Hause weg. Hier hielt mich nichts mehr. In St.Gallen nahm ich mir eine kleine Wohnung und ging wieder zur Schule. Ich hatte Nachholbedarf im Schreiben, überhaupt hatte ich schulische Defizite, da ich daheim kaum Hausaufgaben ma­chen konnte und mich in meinem jungen Leben nie wirklich auf die Schule konzentrieren durfte. Fehlte ich, war das egal. Hauptsache, ich arbeitete zu Hause mit. Diese Schulstunden musste ich nun aus der eigenen Tasche bezahlen, meine obligatorische Schulzeit war ja schon längst vorbei. Dann kam die Rekrutenschule in Zürich, meine Wohnung in St.Gallen aber behielt ich weiterhin. Hier war ich nun in der Ausbildung, machte eine kaufmännische Lehre beim Schweizerischen Bankverein und schloss diese mit 23 Jahren auch ab. Dann folgten berufsbegleitende Weiterbildungen. Alles, was sich mir bot, nahm ich an. Ich hatte ein so grosses Nachholbedürfnis, wollte lernen, erfahren und wissen. Ich ging weiterhin neben meiner Arbeit zur Schule und machte mit 31 Jahren das Diplom zum eidg.dipl.Bankbeamten. In meiner deshalb eher kargen Freizeit spielte ich Handball. Ich war in einem Verein, hatte sehr gute Kollegen und ich war zufrieden mit meinem Leben. Die grosse Last meiner Mutter war weit weg. Aber war sie das ­wirklich?

Meine Frau, meine Familie

Dann lernte ich meine Frau kennen, in einem Clubrestaurant. Es funkte sofort und wir haben sehr bald geheiratet. Das war 1969. Für uns war klar, wir gehörten zusammen und das sind wir bis heute geblieben. Wir zogen dann nach Winterthur. Ich hatte eine sehr gute Stelle in Zürich und verdiente genug, sodass wir uns bald ein günstiges Haus kaufen konnten. Schon bald kamen unsere beiden Kinder zur Welt. Zwei super Mädchen, dank der sorgsamen und liebevollen Erziehung meiner Frau. Nun waren wir komplett und eine wunderbare Familie. Ich genoss die Zeit aus vollstem Herzen. Genau das war es, was ich mir unter Familie vorstellte, Liebe, Wärme, Geborgenheit und gegenseitige Achtung und Respekt. Warum ich dies als Kind nie erleben durfte, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich hatte eine gute Arbeit, die mich forderte, und hatte ich frei, besuchte ich einmal die Woche die Trainings im Handballverein und war Mitglied im Schützenverein. Vor allem aber genoss ich die Zeit zusammen mit meiner Frau und unseren beiden Girls. Wir machten Ausflüge, gingen zum Wandern in die Berge oder fuhren Ski.

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Heute

Mittlerweile sind beide Töchter schon längst erwachsen und haben ebenso Kinder. Ich bin stolzer Grossvater von drei Enkelkindern. Sie sind für mich alles auf der Welt und wir besuchen uns oft. Wir haben ein tolles Verhältnis, machen gemeinsam Spiele oder Ausflüge.

Wie geht es mir?

Das Verrückte ist, dass meine Kindheit, je älter ich werde, umso präsenter wird. Ich will sie ablegen, wie einen alten Mantel, diese Vergangenheit. Doch es geht nicht, sie hängt an mir fest. Ist ein Teil von mir. Peter und ich pflegen seit rund vierzig Jahren keinen Kontakt mehr zu unseren drei jüngeren Geschwistern. Der Bruch kam, weil unser Vater früh gestorben ist. Er wurde nur 52 Jahre alt, da war ich gerade mal 28 und stand mitten im Aufbau meines neuen Lebens. Zwischen meinen Geschwistern und mir stand meine Mutter. Zum Glück sind da meine Enkel, sie lenken mich ab. Bin ich alleine, dann sind sie wieder da, diese schweren Gedanken und Gefühle. Dann versuche ich, niemandem zur Last zu fallen und damit zurechtzukommen. Würde ich mein Leben noch einmal von vorne beginnen können, würde ich mich noch mehr in die Schule stürzen und würde wahrscheinlich heute eher einen sozialen Beruf ergreifen, Sozialarbeiter oder sogar Arzt. Vor allem aber würde ich meiner Frau, meinen Töchtern und meinen Enkeln noch mehr positive Erlebnisse zukommen lassen. Denn glücklich ist, wer in seinem Leben die positiven Momente geniessen kann.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

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