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Einblicke

Doch die Narben auf der Seele sind geblieben

Doch die Narben auf der Seele sind geblieben

Heinz Ruch, geboren 1942, lebt zusammen mit seiner Frau in Burgdorf. Der einstige Sozialarbeiter erkrankte früh an schweren Depressionen. Als er pensioniert wurde, begann er zu schreiben. Hielt seine Erlebnisse aus jenen Jahren fest, als er ganz tief unten war. Heute, Jahrzehnte später, geht es ihm erstmals gut, doch die Narben in seiner Seele sind geblieben.

Blick zurück ins Jahr 1979 und damit auf den Beginn einer langen Leidensgeschichte: Über der Stadt braute sich ein Gewitter zusammen. Besorgt blickte Susanna aus dem Fenster zu den hoch aufgetürmten dunklen Wolken. Ihre Angst: nicht zu arg – nicht wie vor vier Jahren, als im Garten und bei den Bauern die ganzen Kulturen vernichtet worden sind. Sie hatte ganz andere Sorgen, die über sie hereinzubrechen schienen. Ihr Mann Heinz verhielt sich in den letzten Monaten eigenartig. Er war im Beruf gefordert und musste abends länger arbeiten, machte Hausbesuche. Vor einem Jahr hatte er die berufsbegleitende Ausbildung zum Sozialarbeiter abgeschlossen. Vier Jahre lang absolvierte er neben seinem 100-Prozent-Arbeitspensum die Abend- und Samstagsschule. Eine Belastung auch für Susanna. Dennoch, war er daheim, war Heinz für seine Kinder da. Dann konnte er aus dem Stegreif Geschichten erzählen, und sein Einfallsreichtum schien unbegrenzt.

Stumm und gereizt

In letzter Zeit aber beobachtete Susanna, dass Heinz stumm war und schlecht einschlafen konnte. Sein Gesichtsausdruck gefiel ihr nicht. Er klagte über Ängste, die er nicht erklären konnte, war schnell gereizt, und sie stritten sich wegen Kleinigkeiten. Abends weinte er aus unerfindlichen Gründen. Das war an sich nichts Neues. Seit sie ihn kannte, hatte er Gemütsschwankungen. Zur Arbeit ging er regelmässig; beklagte sich nie, trotz der grossen Belastung. Vor einer Woche hatte sie ihm geraten, zum Arzt zu gehen. Heinz meldete sich an und konnte nun heute in die Sprechstunde. Sie wartete auf ihn und hoffte, dass er noch rechtzeitig vor dem Losbrechen des Gewitters heimkomme, denn er war mit dem Fahrrad unterwegs. Ein Blitz zischte durch die Landschaft, schlagartig folgte der Donner, und der Regen prasselte in Strömen.

«Das wird sich geben.»

«Was hat der Hausarzt gesagt?», fragte Susanna ihren Mann, als er mit nassen Haaren aus dem Bad kam. «Ich soll einen Psychiater aufsuchen. Er meint, ich hätte Depressionen. Ich spinne, verstehst du?» «Hör auf. Das ist eine Krankheit. Du gehst doch?», fragte sie besorgt. Sie ahnte, dass der Schritt für ihn schwer war. Sein Zustand verschlimmerte sich markant, und er musste noch einmal zum Hausarzt. Einen raschen Termin beim Psychiater zu bekommen, war nicht mehr möglich. Er war über Wochen hinweg ausgebucht. Der Hausarzt schrieb ihn arbeitsunfähig, für Heinz ein erneuter Tiefschlag. Er verzog sich ins Bett. Das Medikament, das der Hausarzt ihm gab, sorgte für extreme Nebenwirkungen. Kopfschmerzen, verschwommenes Sehen, Schlafstörungen und Tag-Albträume plagten ihn von nun an. «Das wird sich geben», tröstete ihn der Hausarzt.

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Beim Psychiater

Dann stand der Termin beim Psychiater an. Susanna begleitete ihn. Gemeinsam sassen sie im Wartezimmer, sie fühlte sich ohnmächtig und ihn schüttelte ein Weinkrampf. In diesem Zustand holte sie der Arzt ins Sprechzimmer. Hilflosigkeit hing im Raum. «Was ist mit Ihnen los?», fragte der Arzt. «Ich weiss nicht, wie ich ihm helfen kann», sagte Susanna. «In letzter Zeit häufen sich solche Momente.» Sie berichtete von früheren Situationen. «Tja», sagte der Arzt, «was machen wir mit Ihnen?» Er machte eine Pause und fuhr fort: «Am besten den Kopf abschneiden und einen neuen aufsetzen.» Es folgte eine peinliche Stille. Susanna war entsetzt über die Unfähigkeit dieses Arztes. Sie vereinbarten bei ihm keinen neuen Termin.

Verrat an der Menschlichkeit

Heinz Ruch erinnert sich: Monate später: In einem Sanitätswagen fuhren wir Richtung Psychiatrische Klinik Waldau nach Bern. Ein Sanitäter sass neben mir. In der psychiatrischen Beratungsstelle mussten sie mich zu dritt zurückhalten. Ein Wahn zwang mich, durch das geschlossene Fenster zu springen. In meinem Denken – war es noch ein Denken? – herrschte ein Chaos. Ich hatte keine Verbindung mehr zur Aussenwelt, niemand und nichts konnte mein Fühlen und Denken durchdringen. Niemand konnte das, was in mir passierte, verstehen, konnte das mitfühlen. Aufnehmen konnte ich nichts mehr. Ich hatte eine enorme Lebensangst, die mir in der Seele würgte und jeglichen Lebenswillen raubte. Diese Angst zerriss alle Bande zu meiner Umwelt. Der Schmerz in meinem Körper heischte nach Erlösung – nach einer unendlichen Ruhe. Jetzt sass ich eingesperrt im Krankenwagen neben einem Sanitäter, den ich jedoch nicht wirklich wahrnahm. Wir waren in voller Fahrt, als ich vorschnellte. Was ging in mir vor? Es war pure Verzweiflung, verloren in einer bodenlosen Hoffnungslosigkeit! Warum ich? Ich hatte doch alles!? Zufrieden verheiratet, Vater von zwei Kindern, die ich liebte. Ich, der eine gute Arbeit hatte, der finanziell abgesichert war? Warum schnellte ich mitten in voller Fahrt vor, packte den Griff der seitlichen Schiebetür, riss sie auf, um in den Tod hinauszustürzen? Nur das schnelle Handeln des überraschten Sanitäters verhinderte den Sprung aus dem fahrenden Wagen. Diese Szene blieb mir deshalb in Erinnerung, weil mich der erschrockene Sanitäter anschrie, eines Tages würde ich ihm dankbar sein für sein rasches Handeln. Nicht aber in diesem Moment.

Beobachtet rund um die Uhr

Dann stand ich am Fenster, blaue Fensterrahmen, die mich noch lange anödeten, und graue Betonmauern, ein scheusslicher Bau. Ich starrte vor mich hin und heulte. Weinkrämpfe schüttelten mich, stundenlang. Die Leute kümmerten sich um mich, Pflegerinnen, Pfleger, ÄrzteSie redeten mir gut zu und erreichten mich doch nicht. Mit Anlauf kopfvoran durch die Fensterscheibe in die Tiefe springen, waren meine Gedanken. Endlich konnte ich bewegt werden, mich ins Bett zu legen. Ich nahm die Medikamente ein. Tagelang lag ich im Bett, unfähig, die Umgebung, das Bemühen der Pflegenden, der Ärztin wahrzunehmen. Weinkrämpfe. Vierundzwanzig Stunden beobachtet von der erhöhten glasverschalten Beobachtungsstation aus, wo jede Bewegung registriert wurde. In dieser tiefen Depression musste mir die Ärztin den plötzlichen Tod meines Bruders mitteilen. Still sei er gestorben, er wachte am Morgen einfach nicht mehr auf. Es war ein Schock, und wieder kamen die Weinkrämpfe. Warum er und nicht ich!?

Alltag

Als nach Tagen eine Beruhigung eintrat, begannen regelmässige Gespräche mit der Ärztin. Sie versuchte, meine schwere Erkrankung zu ergründen. Ich hatte lange Gespräche, die nichts brachten, und Medikamente, die mich dahinsiechen liessen. Die Dosen wurden verändert, erhöht, andere Mittel eingesetzt. Ich tigerte tagsüber wie die anderen Patienten von einer Ecke in die andere. Es blieb mir nichts anderes übrig, ausser im Bett zu liegen oder fernzusehen. Und das wollte ich nicht. Es war eine trostlose Zeit, eine sinnlose. Nach fünf langen Wochen konnte ich endlich in Begleitung in die Ergotherapie; die Tür wurde jeweils hinter mir verschlossen. Andere Patienten töpferten, malten, grossformatig, kleinformatig und füllten Mandalas aus. Und ich? Ich wusste nicht, was ich da sollte. Für einen Moment war ich dem Wachsaal mit seinen zwanzig Eisengestellbetten zwar entronnen. Jener Ort, wo ich mich der ständigen Beobachtung und der vielen Patienten wegen äusserst unwohl fühlte. Es gab keine Privatsphäre, keine innere Ruhe. Und wie war es hier in diesem Raum, in dem ich mich nun plötzlich aktiv betätigen sollte? Die Atmosphäre war beklemmend und ich fühlte mich unsicher. In Gedanken herrschte die Angst, nachher doch wieder in den Wachsaal weggesperrt zu werden.

Der Drang nach Freiheit

Nach sieben Wochen durfte ich in ein Vierbettenzimmer wechseln. Eine Erleichterung – doch die blauen Fensterrahmen, die grauen, hohen Betonwände erdrückten mich dort noch mehr als im grossen Raum des Wachsaals. Die Wände waren kahl und kein einziges Bild hing. Mit den drei Zimmergenossen entstand kein Kontakt, jeder ging stumm seiner Wege. Und am ersten Abend, als ich alleine im Park war, begann das, was zu einem eigentlichen Desaster, zu einem Verrat an der Menschlichkeit führte

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Von der Angst getrieben

Der Park befand sich hinter dem Klinikhauptgebäude. Er grenzte mit einem einfachen Zaun an einen Wald. Im Park gab es eine grosse Eisenskulptur von Bernhard Luginbühl. Sie war nicht in Betrieb. Eine grosse Kugel rollt jeweils auf einer langen waagrechten Schiene von einem Ende ans andere und wieder zurück. Symptomatisch für die Situation in der Klinik: hin und zurück, stundenlang, wie die Patienten, die hier lebten. Die frische Luft tat gut. Doch das graue Betongebäude mit den blauen Fensterrahmen nahm bedrohliche Formen an – und meine Gedanken begannen plötzlich zu lodern. Mit einem Anflug von Angst kam plötzlich ein Geistesblitz: Ich will nicht mehr leben! Angst! Verzweiflung! Ich fühlte mich zurückgeworfen in den Strudel der Selbstvernichtung. Behände kletterte ich über den Zaun und verschwand im Wald. Niemand hatte es bemerkt. Ich eilte, getrieben von der Angst, verfolgt zu werden, rasch vorwärts. Die Medikamente machten sich bemerkbar. Schwindel befiel mich, doch endlich sass ich im Tram! Tränen schossen mir aus den Augen. Ich sass am Fenster und starrte hinaus. Die Angst wurde grösser, meine Gedanken chaotischer. Wohin? Die Korn­hausbrücke! War sie die Lösung? Das Tram überquerte sie soeben, und am Ende dieser Brücke war eine Haltestelle – beim Zyt­glogge-Turm. Nur noch ein Sprung, dann war diese peinigende Qual zu Ende. Die Familie – Susanna und die Kinder – drangen plötzlich in meine GedankenUnd ich blieb sitzen.

Warten und weinen

Am Bahnhof stieg ich aus, wusste nicht, was werden sollte. Viele Leute waren unterwegs und niemand achtete auf mich, niemand sah mein verheultes Gesicht. Durch die starken Medikamente war mein Gehirn wie ausgeschaltet. Wie im Nebel nahm ich die Umgebung wahr. Es war alles so unwirklich. Eine Telefonkabine stand da in der Ecke. Ich ging hin, warf Geld ein und telefonierte mit Susanna. Ich heulte

Dann wurde das Gespräch unterbrochen, das Geld war aufgebraucht. Ich klaubte noch ein paar Münzen hervor. Susanna verlangte, dass ich in die Klinik zurückkehren solle. «Nein, nein…!», schrie es in meinem Kopf. Wieder hatte ich kein Geld mehr.

Wieder warf ich ein paar Münzen ein. Ich solle warten, sie werde kommen, bat mich Susanna. Weinend verliess ich die Kabine. Ich schämte mich meiner Tränen und wendete mich der Wand zu. Meine Gedanken drängten mich zum Weglaufen. Doch ich wartete und weinte. Endlich, nach einer halben Stunde, kam sie zusammen mit meinem Stiefvater. Ich war erleichtert, vor Vater aber hatte ich Hemmungen. Die beiden brachten mich zur Klinik zurück.

Sie griff zum Telefon!

Dort fand der Dienstarzt, dass es am besten wäre, wieder in den Wachsaal zu ziehen, die Krise sei noch nicht überstanden. Ich widersetzte mich; es gehe mir jetzt gut und es geschehe nichts mehr. Er gab mir ein Schlafmittel und ich akzeptierte. Am andern Morgen in der Ergo kam meine Ärztin. Ich müsse zur Oberärztin mitkommen. Verunsichert folgte ich ihr. Da war ich noch nie. Sie sass hinter einem mächtigen Schreibtisch in ihrem feudalen Büro. Ungute Gefühle kamen auf. Sie sagte: «Das gestern Abend war ein Verstoss gegen das Vertrauen.» Ich stand vor dem Schreibtisch. «Ich halte es hier nicht mehr aus.» Sie sagte: «Sie werden wieder in den Wachsaal versetzt.» Sie fragte nicht, warum es geschehen sei, was los gewesen war, wie es mir gehe? Nein, sie sprach sofort ein Verdikt aus. Meine Ärztin sagte derweil kein Wort, sass still hinten in der rechten Ecke. Und ich stand da, wie ein armer Sünder. «Ist das eine Strafversetzung? Warum? Das macht doch keinen Sinn!» – «Wenn Sie nicht freiwillig gehen, bringt man Sie hin. Gehen Sie?» – «Nein.» Sie griff zum Telefon.

Ich schrie

Drei Pfleger waren umgehend zur Stelle. «Führen Sie ihn in den Wachsaal!» Ein Pfleger, der Polizist, packte mich am Arm. Ich zog ihn zurück. Da setzte er seinen über viele Jahre eingeübten Polizeigriff ein. Mit einem heftigen Ruck riss er mich im Würgegriff herum und drückte zu. Dann zerrte er mich gemeinsam mit den beiden anderen Pflegern durch den langen Gang. Ich schrie um Hilfe. Ich verstand nicht, wie mir geschah. Was dann folgte, werde ich in meinem Leben nie mehr vergessen. Ein Arzt bot mir ein Medikament an. Ich lehnte ab: «Ich will es nicht nehmen. Sie wissen, dass ich davon starke Nebenwirkungen bekomme.» Da packten sie mich, schleiften mich durch den Gang in mein Zimmer. Ich wehrte mich. Ich hatte Angst, bekam Panik vor dieser rohen Gewalt. Im Zimmer packten sie mich aufs Bett, lösten den Gürtel, rissen die Hose runter, dann spürte ich den Einstich… «Bleiben Sie nun im Bett», sagte der Oberarzt zu mir. Wut kam auf. «Nein, ich will raus, ich will telefonieren», und drängte aus dem Zimmer. Die Ärzte und Pfleger folgten mir, umzingelten mich angriffsbereit. Es war eine unheimliche Stimmung. Da sah ich das Bild an der Wand, ein letzter verzweifelter Versuch, mich zu befreien

Epilog

Jahre sind seither vergangen. 2012 habe ich mit Schreiben begonnen, mein Leben mit Siebzig aufgeschrieben, festgehalten, was geschehen war. Dadurch bin ich wie Phönix aus der Asche dem Morast der Depressionen entstiegen. Ich bin aus dem «schwarzen Schleier der dunklen Tante mit der weissen Fratze» entflohen, geniesse seit sieben Jahren ein Leben frei von Qualen. Ich bin Susanna dankbar, dass sie mir in all den Jahren beigestanden ist. Ohne sie wäre ich heute nicht mehr hier auf Erden. Ich fühle mich emanzipiert und zufrieden. Dennoch, belastende Gefühle liegen nach wie vor auf meiner Seele. Die Erniedrigung und der Verlust der Würde nagen in manchen Nächten. Vergessen kann ich das Schreckliche nicht. Ich fühle mich verraten in meinem Menschsein.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

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