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Einblicke

Eines Nachts wusste ich: Ich höre auf

Eines Nachts wusste ich: Ich höre auf

Als Kind war er ein Naturbursche, als junger Mann rannte er in der Businesswelt von Erfolg zu Erfolg. Heute geniesst Andreas von Arx mit seiner Familie das einfache Leben auf der Grimmialp mit viel Zeit und wenig Luxus – und coacht Private und Unternehmen, die sich verändern wollen.

Das «Poschi», wie die Berner sagen, hält mit einem Ruck. «Spillgerten, Endstation», ruft der Chauffeur und schickt ein freundliches «E Guete» hinterher. Zwei Schulkinder und zwei Frauen steigen aus. Es ist Mai, behauptet der Kalender, doch der Wettergott hat frech eine Ladung Schnee hingeworfen. Der Sessellift steht still, die weis­sen Bergwände wirken wie Monumente. Kein Laut ist zu hören, hier, ganz hinten im Diemtigtal auf der Grimmialp. Ab jetzt geht es zu Fuss – die Hauptstrasse entlang, über den rauschenden Bach, den Hügel hinauf. Am Hang kleben Ferienchalets, das Holz ist dunkel geworden von der Sonne. Eines davon gehört Andreas von Arx und seiner Familie.

Nur: Andreas von Arx ist kein Feriengast. Er lebt hier mit seiner Frau Sylvia und Söhnchen Gianluca, das ganze Jahr über. Es ist seine Rückkehr in die Natur. Die Geschichte dahinter erzählt er in seinem soeben erschienenen Buch «Heimweh Natur» – schonungslos offen und ehrlich. Eine Geschichte, in der es zunächst steil bergauf geht, und damit sind nicht etwa Viertausender gemeint, sondern Zahlen. Gute Zahlen, und jede steht für Erfolg und Anerkennung und die Sucht danach. Zahlen, die keinen Raum mehr liessen für die Natur. Dafür hatte Andreas von Arx damals keine Zeit. Er musste neue Kunden gewinnen, bestehende Kunden behalten, da kann man nicht einfach dem Plätschern eines Bergbachs lauschen oder entrückt an einer Blüte riechen. Da ruft der nächste Termin. Der junge Berufsmann rannte. Hierhin, dorthin. Fuhr und flog. Immer schneller, und die Zahlen sahen einfach perfekt aus. «Ein Getriebener in einer künstlichen Welt» sei er gewesen, formuliert es der Familienvater.

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Kraft und Zufriedenheit

Heute aber sitzt er entspannt am Holztisch in der heimeligen Stube, einen dampfenden Tee vor sich. Mit seinem braun gebrannten Gesicht und der sportlichen Statur könnte man ihn für einen Bergführer halten, und in den Bergen ist er tatsächlich wieder öfter unterwegs – aber da ist noch etwas: Dieser wache Blick aus den hellblauen Augen und eine Ausstrahlung, die von einer inneren Kraft erzählt – und von Zufriedenheit. «Ja», sagt Andreas von Arx, «es geht mir wieder richtig gut.» Er hat die Natur zurückgeholt in sein Leben, weil er ohne sie kein Leben mehr hatte. Und damit schliesst sich der Kreis.

Denkt der Unternehmensberater und Emotionscoach an seine Kindheit in Murten, sieht er wieder die Wanderungen und Skitouren mit seiner Familie vor sich. Wie er mit den Eltern und Geschwistern in SAC-Hütten übernachtet hat, wie sie sonntags stundenlang bei Wind und Wetter durch den Wald streiften, in den Ferien die Umgebung von Engelberg eroberten, über gefrorene Seen schlitterten, mit den «Firngleiterli» im Tiefschnee die Hänge runtersausten. Er sieht die Tannenbäume, die sein Vater im eigenen Garten zog und die dann an Weihnachten geschmückt in der Stube standen. Die Erinnerung lässt ihn lachen: «Es waren schmürzelige Bäumchen. Manchmal mussten wir noch zusätzliche Äste anbringen, damit es genügend Platz für die Kerzen und Kugeln gab.» Aber es sei immer der «eigene» Baum gewesen, dem sie zuvor beim Wachsen zugeschaut hatten.«So entstand eine Beziehung», sagt er und rührt im Tee. Die Beziehung zur Natur, die Lust am Abenteuer, an Erlebnissen im Freien, das alles habe seine Kindheit geprägt. Seine Erinnerungen an die Kindheit seien Erinnerungen an Abenteuer in der Natur und gleichzeitig das Gefühl der Geborgenheit.

Fels statt Sofa

Fragt er heute als Coach seine Klienten, wann und wo sie sich geborgen gefühlt haben, so folge als Antwort zuverlässig ein Erlebnis in der Natur. «Sie erzählen, wie sie am Bergsee gesessen sind, im Wald, auf einem bestimmten Felsen, mitten in der Blumenwiese. Aber noch nie hat jemand gesagt: am Zürcher Hauptbahnhof, vor dem Computer oder auf dem Sofa beim Fernsehschauen.» Für den Berner ist es eine Bestätigung für das, was er längst weiss und selber erfahren hat: «Wir Menschen sind sinnliche Wesen. Wir brauchen Farben, frische Luft, gute Düfte, Weite, Ruhe, Bewegung – und weniger Reize.» Solche Momente wieder vermehrt ins Leben zu bringen, ist seine Mission. Er begleitet Privatpersonen und Firmen auf dem Weg zur Veränderung, stösst den Prozess an, gibt Inputs. «Den Weg aber gehen sie selber – sie sollen nicht von mir abhängig sein.»

Abhängigkeit hat er in der «grauen Welt» lange genug zelebriert. Er sei abhängig geworden vom Erfolg, räumt er heute offen ein. «Wenn ich in meinem weissen Hemd vorne stand und die Leute überzeugen konnte, gab mir das ein gutes Gefühl.» Gleichzeitig war die Firma ein Stück weit abhängig von ihm und seiner Arbeit. Das will er heute nicht mehr: «Erfolg ist trügerisch. Es ‹folgt› auf etwas. Doch damals schrieb ich ihn mir allein zu.» Unterstützt er nun Unternehmen und Privatpersonen dabei, eine Veränderung zu wagen, sieht er sich als Wegbegleiter. Und nichts mache ihn glücklicher, als wenn er nach einer Weile zu hören bekomme: Andreas, jetzt schaffen wir es ohne dich. Er lacht wieder: «Dann weiss ich, dass ich alles richtig gemacht habe.» In der grauen Welt jedoch wäre eine solche Aussage für ihn eine Katas­trophe gewesen: «Sie hätte bedeutet, dass der Erfolg gar nicht von mir abhängt und ich ersetzbar bin.»

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Joggen im Kopf

Damals habe er das berufliche Vorankommen über alles gestellt. Während der Lehre zum Elektroniker sah er sich schon im Ingenieurstudium. Während des Studiums erlangte er geistig bereits den Master. Stets hechtete er dem nächsten Ziel hinterher. Die Natur diente ihm nur noch als Kulisse fürs Joggen. Dabei hatte er keinen Blick für die Bäume, kein Ohr für die Vögel, denn in seinem Kopf joggten die Gedanken beinahe schneller als die Beine – zum nächsten Termin, zur nächsten Präsentation, zur nächsten Geschäftsreise. Feierten Freunde und Familie ein Fest, kam er als Letzter und ging als Erster. Er erinnert sich an ein Hochzeitsfest in Fribourg. Wie er sich früh verabschiedete, weil er den Flieger erwischen musste. Und wie sein Freund, der Bräutigam, vor allen Gästen sagte: «Wir sind es Andreas nicht wert, dass er länger bleibt.» Das sei ihm schon eingefahren.

In jener Zeit begann sein Körper zu rebellieren. Sein Asthma, das ihn während der ganzen Jugend kein bisschen einschränkte, machte sich bemerkbar, die Lunge wurde eng. Und dann kam jene Nacht im Februar in Bern, als er es plötzlich glasklar vor sich sah: «Ich höre auf.» Am nächsten Tag schrieb er seine Kündigung – ohne Plan, ohne Idee, was danach kommen würde. Die alte Abenteuerlust aus Kindertagen war durchgebrochen.«Mir fiel eine riesige Last von den Schultern», beschreibt er es. Zu seiner Überraschung reagierte sein Umfeld positiv. «Wow, das ist mutig!», bekam er oft zu hören. Er selber bezeichnet es nicht als Mut. «Eher war das Bild in mir von einem Leben abseits dieser künstlichen Welt stark und verlockend.»

Starke Bilder

Mit solchen Bildern arbeitet er in seinen Coachings. Er erzählt von jener Klientin, Mitbesitzerin einer Firma, die in ihrem Beruf unzufrieden war und sich «ein bisschen» verändern wollte. Vielleicht eine Weiterbildung machen, allenfalls das Ressort wechseln, mehr nicht. Im Gespräch – das er am liebsten auf Spaziergängen in der Natur führt – kam dann heraus, dass ihr Herzenswunsch der Pflegeberuf war. «Dieses innere Bild war stärker als die Angst vor einem Fehlentscheid. So hat sie die Pflegeausbildung begonnen.»

Er selber trägt sein inneres Bild immer noch in sich. Seine Aufgaben als Unternehmensberater, Emotionscoach und Trainer sowie seine Engagements für die Stiftung «Freude herrscht» von Altbundesrat Adolf Ogi, als Mentor für Jungunternehmer, Be­treuer im Jugendcamp in Nepal und als Tourenführer im Diemtigtal machen höchstens 50 Prozent seines Pensums aus. Ja, die Zahl auf seinem Konto sei bescheidener geworden. Er habe heute weniger materiellen Luxus, weniger Besitz, weniger Prestige. Aber Andreas von Arx hat wieder Zeit. Zeit für Gianluca und Sylvia und den Garten, wo das Paar Gemüse, Mais und Salat anpflanzt, Zeit für sein Bienenvolk, Zeit, auf Berge zu klettern und durch Wälder zu streifen.

Auf der Grimmialp mag die Luft manchmal auch im Mai noch kalt sein, aber sie ist immer frisch und gut. Gianlucas rote Wangen leuchten mit seinen ersten weissen Zähnchen um die Wette. Als Bub schrieb Andreas von Arx, dass er dereinst auf 1230 Metern über Meer leben werde. Genau so hoch ist die Grimmialp – ein Satz wie eine Verheissung. Ob dieser Platz in den Bergen für immer von Arx’ Heimat bleiben wird? Wer weiss das schon. Sicher ist: Der Familienvater hat genug Abenteuerlust für neue Schritte, wo auch immer diese hinführen werden. «Leben bedeutet Wandel, das ist ein Naturgesetz», sagt er und greift nach dem Beil, um Holz zu spalten.

www.andreasvonarx.ch

Franziska Hidber

5 Tipps von Andreas von Arx – Mehr Natur im Alltag

1. Durchatmen am Morgen

Nach dem Aufwachen das Fenster ­öffnen, einen Moment rausschauen, den Kopf durchlüften. Noch besser: Mit offenem Fenster schlafen.

2. Rausgehen – so oft wie möglich

In der Morgen- oder Mittagspause das Büro verlassen, eine Runde um die Häuser drehen, in die Sonne blinzeln, an einer Blume riechen. Dazu ein Picknick geniessen, statt in der Kantine zu sitzen.

3. Bewegter Arbeitsweg

Eine Bushaltestelle früher aussteigen, vom Auto aufs Velo umsatteln, zu Fuss an den Bahnhof gehen.

4. Natur statt Fitnesscenter

Als Alternative zum teuren Fitnessabo in der Freizeit den Wald erobern, am besten querbeet. Über Baumstämme balancieren, die Natur geniessen, den Vögeln zuhören – ohne Zeit- und Wegplan.

5. Eigene Ernte

Kräuter, kleine Tomaten, Salat – vieles gedeiht auch in Töpfen, auf dem Balkon oder dem Fenstersims. Denn nichts schmeckt besser und frischer als die eigene Ernte.

Buchtipp

Heimweh Natur
Wir ­vergessen, was uns am meisten fehlt

240 Seiten, Cameo Verlag GmbH, Bern

ISBN 978-3-906287-57-7

Der Coach und Trainer lädt die Leserschaft mit seiner persönlichen Geschichte ein, den Zauber der Natur wiederzuentdecken, und beantwortet gleichzeitig viele Fragen zu einem Leben jenseits von Hektik und Ablenkung. Ein Buch für Menschen in Zeiten eines Aufbruchs, bei dem Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielt. Mit einem Vorwort von Altbundesrat Adolf Ogi.

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