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Ich heiratete meine Schwiegermutter

Ich heiratete meine Schwiegermutter

René (64) hat in jungen Jahren mit Nathalie die Frau seines Lebens getroffen. Der Alltag, doch vor allem seine Schwiegermutter, brachten dieses stabile Boot zum Kentern. Heute sind die beiden wieder ein Paar. Doch auch diesen Umstand verdankten sie einem schweren Unglücksfall.

Nathalie und ich lernten uns bei der Arbeit kennen. Ich war Rayonchef in einem grossen Warenhaus, sie wurde in unsere Abteilung eingeteilt. Von Anfang an war ich fasziniert von ihr. Sie war so wunderschön, ihre Bewegungen waren geschmeidig und wenn sie die Kunden anlachte, wurde es mir warm ums Herz.

Als Rayonchef war ich verpflichtet, alle gleich zu behandeln, und so blieb ich ihr gegenüber diskret. Manchmal war ich schon zu «diskret», ich will sagen, eher kühl zu ihr. Doch eigentlich wollte ich sie ausführen, mit ihr tanzen gehen oder fein essen. Vernunft und Gefühl stritten lange miteinander.

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Ihre Kündigung war meine Chance

Sie war freundlich zu mir. Das war es auch schon. Kein Zeichen, dass sie mich mochte oder mir besonders zugetan wäre. Schliesslich riet mir mein Bruder, dem ich mich anvertraut hatte, meine Aktien zu testen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie vergeben war, zumindest wurde sie nie von einer männlichen Person abgeholt. 

Ich wagte den Versuch jedoch erst, als sie bereits wieder am Gehen war. Als sie mir die Kündigung auf den Tisch legte, fragte ich sie im Gegenzug, ob sie mit mir essen komme. Sie war so verblüfft, dass sie sofort ja sagte. Sie wäre nie mit ihrem eigenen Chef in den Ausgang gegangen. Doch jetzt, wo sie ohnehin wegging, konnte sie es ja wagen. Sie fand mich nett, das wars. Doch nach unserem Essen war sie sehr viel beschwingter in ihren Gefühlen und liess sich auf ein zweites Essen ein, dem folgte ein drittes …

Der Ball kam ins Rollen

Überhaupt spürten wir, dass wir beide nicht nur gerne assen, sondern auch gerne kochten. Doch bis sie dann bei mir in meiner Küche stand und unser erstes Mahl zubereitete, vergingen noch einmal vier Monate. Dann aber war uns klar, dass wir zusammengehörten und zusammenbleiben wollten. Nathalie hatte in einer anderen Stadt eine Arbeit angenommen. Das war für uns kein Hindernis, sondern eher ein Vorteil. Ich wollte nicht, dass meine Abteilung mitbekam, dass ich ein Verhältnis mit einer einstigen Mitarbeiterin hatte.

Aus dem Verhältnis wurde mehr. Nathalie wurde schwanger und wir überlegten uns, zu heiraten. Doch da gab es nun noch eine Hürde zu überspringen. Während mein Schwiegervater mich freundlich aufnahm, spürte ich vonseiten der Schwiegermutter strikte Ablehnung. Für sie war klar, dass Nathalie, ihr Ein und Alles, zu Besserem bestimmt war. Dass ausgerechnet sie nun ein Kind von einem Rayonleiter bekam, der so gar keine Anstalten machte, sich beruflich zu verbessern, passte ihr überhaupt nicht. Dass nun dieses Kind bereits unterwegs war, brachte sie gegen mich auf. Sie fand mich unmöglich und verantwortungslos. Da halfen keine Blumen und auch keine regelmässigen Aufmerksamkeiten in Form von Schokolade. Sie blieb mir gegenüber distanziert und kühl. Und obwohl ich wusste, dass sie jedes Stück Schokolade selber essen würde, stellte sie meine Präsente stets demonstrativ achtlos zur Seite, manchmal sogar neben die Couch auf den Boden.

Nathalie schämte sich, versuchte mit ihrer Mutter zu reden, doch ihr Verhalten mir gegenüber änderte sich nie: Sie lehnte mich beziehungsweise meinen Geldbeutel kategorisch ab.

Carla kam auf die Welt

Wir freuten uns über unser Kind, und damit Nathalie und unser Baby finanziell nicht eingeschränkt waren, achtete ich darauf, dass ich die erstbeste Chance, mich im Betrieb hochzuarbeiten, nutzen würde. Als Verkaufsleiter brachte ich bedeutend mehr Lohn nach Hause.

Bald kam Rico, unser Sohn, zur Welt. Weiterhin konnte Nathalie daheimbleiben und sich ganz um die Kinder kümmern. Als Rico vier war, zogen wir in ein hübsches Häuschen um. Von Nathalie wusste ich, dass Schwiegermutter sich nur dann blicken liess, wenn ich ausser Haus war. Weiterhin haderte sie mit mir, und obwohl ich der Familie ein sorgloses Leben ermöglichen konnte, blieb sie auf Distanz. Schwiegervater erzählte mir einmal nach vielen Jahren, dass sie im Dorf eine Partie im Auge hatte, die vermögend war. Er handelte mit Luxuswagen. Ein solches Leben konnte und wollte ich Nathalie nicht bieten, das war nicht meine Welt.

Überraschung um Überraschung

Dann starb mein Chef unerwartet bei einem schweren Verkehrsunfall und ich wurde zum Leiter der Vertriebszentrale befördert. Von da an ging es uns nicht nur gut, wir lebten sogar sehr gut. Nathalie war nun vom dritten Kind schwanger. Wir freuten uns sehr und unser Familienglück war perfekt. Zwar sah ich meine Kinder oft nur am Wochenende, weil mein täglicher Fahrweg nun eineinhalb Stunden betrug. Doch wir nahmen dies in Kauf. Dann kam die Überraschung, die alles aus dem Konzept brachte: Nathalie erwartete Drillinge!

Fünf Kinder, so plötzlich. Wir wussten nun, dass wir sorgsam planen mussten. Carla war im Kindergarten, Rico daheim und nun noch drei Babys. Nathalie wollte ihre Mutter mehr einspannen. Ich war dagegen. Es konnte nicht sein, dass eine Frau, die mich zutiefst hasste, sich jederzeit frei im Haus bewegen durfte. Das war mein Daheim und nicht das Ihrige.

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Grosse Familie, grosse Sorgen

Nathalie verstand mich und wir suchten gemeinsam nach einem Au-pair. Unser erstes Girl verliess das Haus nach drei Monaten wieder wegen Heimweh, da war Nathalie bereits im 8. Monat und man plante bereits den Termin für den Kaiserschnitt. Das zweite Girl lebte sich recht gut ein, doch die Frist war nun sehr kurz. Nur 2½ Wochen später waren die Drillinge auf der Welt. Meine Mutter fuhr eigens aus Basel her, um nach den beiden Enkelkindern zu schauen und das Au-pair zu entlasten. Auch das sorgte für böses Blut. Doch in diesem Moment hatte ich keine Zeit, um mich mit der Schwiegermutter auseinanderzusetzen, denn nun brauchte Nathalie meine ganze Unterstützung: Während die beiden Mädchen gesund zur Welt kamen, hatte der Drittgeborene schwere Klumpfüsschen. Er war so klein und wir wussten anfänglich nicht einmal, ob er überleben würde.

Während Sophia und Lena sich sehr gut entwickelten, war Marius seine ganze Kindheit hinweg ein Kind, das sehr viel Zuwendung bedurfte. Immer wieder hatte er Operationen und Therapien, benötigte auch während seiner Schulzeit zusätzliche pädagogische Unterstützung.

Schwiegermutter

Nathalie war mit den Kindern gefordert und auch die Situation mit den Au-pairs war manchmal eher zermürbend und kräfteraubend. Oft waren sie selber noch sehr jung, unerfahren oder hatten Flausen im Kopf. Sie waren ja selber noch Kinder, die ihre ersten beruflichen Erfahrungen machten. Durch meine Stellung waren wir zumindest finanziell aus dem Schneider. Doch meine vielen Abwesenheiten und das intrigante Benehmen meiner Schwiegermutter stellte unsere Beziehung immer wieder auf eine harte Zerreissprobe. Weiterhin fand Schwiegermutter an mir kein gutes Haar. War sie im Haus und ging in verdankenswerter Weise meiner Frau zur Hand, fand sie an mir immer etwas auszusetzen. Über die Kinder hörte ich immer wieder, wie sie sich über mich ausliess. Oma sagt, du bist heikel. Oma sagt, du musst Mama mehr Geld geben. Als ich dann den Satz hörte «Oma sagt, du hast im Büro eine Schweinerei», da platzte mir der Kragen. Was hat die Frau in meinem Büro zu suchen?! Als ich in derselben Woche eines Abends nach Hause kam und meine Hausschuhe nicht mehr fand und mir Rico verkündete, dass Oma sie vielleicht weggeworfen hatte, weil sie stinken, war das Mass voll.

Wie viel muss ich noch ertragen?

Wie viele Falschheiten musste ich noch ertragen? Darf sie meine Kinder gegen mich aufbringen? Sie sitzt wie ein bösartiger Furunkel in meiner Familie und darf sich ungefragt in alles einmischen und ihr Gift verstreuen. Die Gespräche mit Nathalie führten oft nur mehr zu Streit. Sie hatte den Nerv nicht mehr, zwischen all den vielen Kindersorgen sich auch noch mit mir über unser Thema Nummer 1 auseinanderzusetzen. Und so kam es, dass ich auch von ihrer Seite her Sätze hören musste wie: Du lässt an meiner Mutter kein gutes Haar. Es war zum Verzweifeln. Längst war mir klar, dass ich nicht nur Nathalie geheiratet hatte, sondern durch die Umstände gleich auch noch die Schwiegermutter mit.

Ich hielt diese Situation kaum mehr aus. Mein Daheim war nicht mehr mein Daheim. Diese Frau hatte die Nase in allem drin. Ich spürte, in dieser Situation konnte ich von Nathalie keine Entscheidung einfordern. Sie war dazu nicht in der Lage und brauchte uns beide. Und hätte ich Druck gemacht, hätte sie sich sogar gegen mich gestellt. Ich ergab mich meinem Schicksal auf meine Weise. Hatte ich Überstunden zu machen, dann wurden diese sofort und fraglos erledigt. War ich daheim, nahm ich einen Teil der Kinder und fuhr mit ihnen zum Schwimmen, zum Fussball oder zum Skifahren. Ich tat alles, um nicht mehr daheim sein zu müssen. Und wich so zunehmend auch Nathalie aus. Für unsere Beziehung war dies nicht förderlich und eine zunehmende Entfremdung zwischen uns machte sich breit. Zunehmend hörte ich von ihr die Sätze: «Du bist für mich nie da.» Oder: «Ich fühle mich von dir im Stich gelassen.»

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Schlechte Karten

Wurde ich wütend und begann mich zu wehren, war es falsch. Nahm ich es hin und schwieg, war es auch nicht in Ordnung. Zu ruhigen Gesprächen fehlte die Zeit – und uns beiden nach den langen Tagen auch die Energie.

Trennung

Nach 13 Jahren Ehe reichte Nathalie die Scheidung ein. Diese beiden Jahre will ich nicht beschreiben. Nur als ich von den Kindern hörte, dass Schwiegermutter in mein Büro eingezogen war, wäre ich einen Moment lang zu allem bereit gewesen. Ich hätte diese Frau …

Die Besuchszeiten und die Alimente waren weitere wunde Punkte, die mir das Leben zur Hölle machten. Zum einen lebte ich nun fast an Rande des Existenzminimums, zum anderen hatte ich mich an den Wochenenden auf die sich immer wieder ändernden Bedürfnisse der Kinder einzustellen. Rico spielte Fussball, hier war ich mit ihm unterwegs. Ansonsten schienen die Kindergeburtstage oft wichtiger zu sein als die Besuche bei Papa. Oft sass ich alleine daheim, mit Karten fürs Theater, die verfielen, weil die Kleinen zu einer Kinderfeier eingeladen waren. Ich konnte auch keine Velotouren unternehmen, weil die Räder bei uns daheim in der Garage standen und wir sie nicht holen konnten. Von unserem Haus aus starten durfte ich nicht. Nathalie wollte nicht, dass ich dort auftauchte.

Tränen der Ohnmacht

Lena verunglückte mit 14 Jahren schwer. Sie wurde von einem Auto in einer unübersichtlichen Kurve angefahren. Lena hatte das Auto rechts überholt. Sie war so schwer verletzt, dass sie elf Tage im künstlichen Koma lag. Als ich mein «Schätzli» bleich und an den Schläuchen im Bett liegen sah, verlor ich die Fassung. Ich heulte wie ein Baby. Als dann die Türe aufging und ich hinter Nathalie den Kopf meiner Schwiegermutter sah, stand ich auf und ging zur Tür. «Du, genau du hast hier gar nichts zu suchen! Rein gar nichts! Verlass den Raum, bevor ich mich vergesse.» So hatte meine Schwiegermutter mich noch nie gehört. Ich hörte nur noch ein «Ja, ja, ist ja gut». Dann war sie weg. Ich erwartete, dass Nathalie nun auf mich losgehen würde. Tat sie aber nicht. Sie hatte einfach die Kraft nicht mehr dazu. Abwechslungsweise sassen wir nun am Bett unseres ältesten Drillings, hofften und zitterten. Kam sie, ging ich. Kam ich, ging sie. Doch mit den Tagen wurde unsere «Übergabe» länger, lag schon mal ein Kaffee drin. Nachts, wenn im Spital die Besucher das Haus verlassen hatten, standen wir noch im Gang und redeten, über die Kinder, unser Leben, über unseren Alltag und unsere Sorgen. Und wir spürten, dass wir einander brauchten, mehr denn je. Im verflixten siebten Jahr unserer Trennung fanden wir wieder zusammen.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

PS: Schwiegermutter bekam Hausverbot. Wollten ihre Enkel sie besuchen, durften sie dies jederzeit, aber nur noch bei ihr daheim. 

Ich muss hinaus in die weite Welt

Ich heisse Susanne, bin 1941 im Appenzellerland aufgewachsen und war von Beruf Krankenschwester. Während meiner Ausbildung besuchte ich regelmässig die Proben eines Chors. Sie waren für mich eine Möglichkeit, mich ausserhalb des Spitalcampus mit der Stadt und ihren Menschen vertraut zu machen. Ich kannte niemanden und ich fühlte mich sehr alleine. Auch im Personalhaus fühlte ich mich anfänglich sehr fremd. Das Haus war düster und kahl, die unregelmässigen Arbeitszeiten verhinderten viele Kontakte.

«Mann-oh-mann!»

Wie sich die Rolle des Mannes in wenigen Jahrzehnten verändert hat und wie der «moderne» Mann damit umzugehen weiss. Oder eben auch nicht. Eine Bestandesaufnahme (Teil 1).

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