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Einblicke

In guten wie in schlechten Zeiten

In guten wie in schlechten Zeiten

Nach Abschluss meiner kaufmännischen Lehre wandte ich mich in meiner Freizeit mit grosser Begeisterung der Musik zu. Ich begann mit dem Klavierunterricht, musste aber bald ernüchtert feststellen: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nur mehr schwer». Meine Liebe zur Musik aber blieb und ich meldete mich beim Opernhaus als Chorsänger. Auf Anhieb wurde ich in den Zusatzchor aufgenommen.

Ich war begeistert! Was für eine Welt, was für ein Ambiente. Ich sog mit grosser Intensität den Duft der musikalischen Elite ein. Starsolisten wie Maria Stader, Lisa della Casa, Anneliese Rothenberger, Max Lichtegg, Heinz Rehfuss und wie sie alle hiessen waren da. Der damalige Leiter und Direktor war Hans Ehrismann, und als Chefdirigent des Tonhallenorchesters wirkte Volkmar Andreae. Ehrismann war der Ehemann von Maria Stader.

Wunderbare musikalische Welt

Texte  auswendig lernen, Melodien einüben – wir wurden gefordert, aber auch gefördert. Die Bühnenprobe fand jeweils über Mittag statt. Anschliessend spurtete ich zum Arbeitsplatz an den Mythenquai. Gleichzeitig nahm ich Privatstunden bei Johannes Fuchs, Direktor am «Zürcher Konsi». Ich wollte unbe- dingt die Ausbildung zum Chorleiter machen, zudem nahm ich Gesangsstunden. Alles rund um das Opernhaus faszinierte mich. Ich lebte mit und für diese musikalische Welt.

Zwei Faszinationen – eine Wahl

Dann lernte ich eine hübsche, junge Frau kennen. Ihr liebliches, warmes Wesen, ihre Bescheidenheit faszinierten mich  sofort. Wir trafen uns von da an regelmässig und ich wusste: Ich möchte sie heiraten! Neben unseren Verabredungen aber war ich immer noch mit der gleich grossen Intensität am Opernhaus beschäftigt, ein Grossteil meiner freien Zeit drehte sich rund um dieses Haus und das Singen. Beinahe täglich war ich vor Ort. Irgendwann erklärte meine Angebetete:

«Entweder ich oder das Opernhaus.»

Nun begann ein inneres Ringen und Kämpfen. Musik oder sie? Sie und damit eine Familie oder eine wunderbare Freizeitbeschäftigung? Nach einer Woche war für mich klar: SIE! Ich wollte und konnte sie nicht loslassen. Sie faszinierte mich zu sehr.

Familienglück

Wir gründeten eine Familie und sie schenkte mir vier gesunde Kinder. Auch ich versuchte meinen Teil zu leisten und Verantwortung zu übernehmen und begann mich beruflich weiterzubilden.

Und meine Musik?

Als Ausgleich wandten wir uns dem Gesellschaftstanzsport zu. Nun hatten wir eine Leidenschaft, die wir gemeinsam machen konnten. Wir besuchten einen Kurs nach dem anderen für Standard- und Lateintänze und waren mit der Zeit so ein eingespieltes Team, dass wir dem Turnier-Tanzklub beitraten und uns zu Turnieren anmeldeten. Eine wunderbare Zeit! Jahrelang tanzten wir uns mit Erfolg und Freude durch die verschiedensten Turniere. Doch dann wurde diese Freude abrupt durch die Krankheit meiner Frau gestoppt. Diagnose: Brustkrebs!

In guten wie in schlechten Zeiten

Drei Jahre nach der Diagnose begann unser gemeinsamer Endkampf. Die Lymphknoten wurden operativ entfernt, später entstand der berüchtigt schmerzhafte Lympharm. Weitere Operationen folgten. Die Ärzte kämpften um ihr Leben. Doch es ging ihr immer schlechter. Schliesslich war ihr Körper so erschöpft und matt, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Trotz aller Pflege und Fürsorge erholte sie sich nicht mehr. Wir wussten, dass sie sterben würde, und sie bat mich, diese ihre letzte Zeit daheim verbringen zu dürfen. Wie hätte ich ihr dies abschlagen können? Ich hätte alles für sie gemacht. Vierzig wunderbare Jahre waren uns beschieden und ich hatte ihr bei unserer Trauung geschworen, ihr in guten wie in schlechten Zeiten beizustehen.

Wach an ihrem Bett

Ich liess mich zwei Jahre früher pensionieren, um ganz für sie da sein zu können. Morgens kam jeweils eine Onkologieschwester zur Pflege, abends schaute die Gemeindeschwester vorbei, wenn nötig auch zweimal. Trotz dieser wertvollen Unterstützung wurde auch ich sehr stark beansprucht. Ich konnte keine Nacht mehr durchschlafen, war da, wenn sie mich brauchte, dazwischen kochte ich unser Essen, machte die Wäsche. Der Krankenhilfsverein vermittelte mir eine Frau, die einmal pro Woche die Hausreinigung und das Bügeln erledigte. Ich kaufte eine Bügelmaschine, sodass auch ich ab und zu meine Hemden bügeln konnte. Ich war jeweils dankbar, wenn Nachbarn und Freunde mich für einige Stunden ablösten, damit ich einkaufen konnte.

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Gedanken über die Zukunft

Um ihre starken Schmerzen etwas zu lindern, wurde ihr über einen kleinen Apparat laufend Morphium gespritzt. Das Rezept musste ich persönlich beim Chefarzt des Kantonsspitals abholen. Fünf Monate vor ihrem Tod hielt er mich zurück und erkundigte sich, wie es mir ginge. Ich gestand ihm, dass ich die Arbeit und die damit verbundene persönliche Belastung unterschätzt hatte. Umso wichtiger, fand er, dass wir über die Zeit «danach» sprechen. «Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?» «Nein», gestand ich ihm. Wie auch, ich hatte einfach keine Zeit dazu. «Ich werde wohl in ein tiefes Loch fallen.» «Das wollen wir verhindern!», erklärte er und hob den Zeigefinger. «Gehen Sie nun nach Hause und überlegen Sie in Ruhe, wie Sie nach dem Tod Ihrer Frau leben wollen. Wo wollen Sie leben und welche Aufgaben werden Sie dann wahrnehmen?»

Musik lindert Schmerzen

Mit dieser «Hausaufgabe» entliess er mich. Drei Tage später stiess ich mit einer unbeholfenen Bewegung das Klavier an. Ich schaute das Instrument lange an. Das war die Idee. Ich bat im Freundeskreis um Unterstützung. Ich bat gute Freunde, mich für zwei Stunden am Krankenbett meiner Frau zu vertreten und besuchte den Klavierunterricht. Nach fast vierzig Jahren begann ich wieder Stunden zu nehmen, und sie taten mir gut.

Tränen des Schmerzes

Es war Weihnachten, Heiligabend. Ich sass am Bett meiner Frau, im Hintergrund hatte ich weihnächtliche Musik eingestellt. Plötzlich übermannte es mich, die Tränen begannen immer stärker zu fliessen. Sie nahm meine linke Hand in die ihre und sagte mit schwacher Stimme: «Muesch nöd trurig si. Nach meinem Tod musst du bald wieder eine Partnerin suchen, dann wirst du wieder glücklich werden». Welch grosse Worte einer sterbenden Ehefrau!

Zehn Tage später schlief sie ruhig ein.

Allein und erschöpft

Nach ihrer Beerdigung und all den vielen Dingen, die man danach noch erledigen muss, verliessen mich meine Kräfte. Ich wurde krank. Zwei Wochen später schickte mich mein Hausarzt zur Erholung und sagte: «Sie brauchen jetzt Ruhe. Vor drei Wochen sehe ich Sie hier im Dorf nicht mehr!» Ich befolgte seinen Rat und reiste für drei Wochen ins Wallis, in jenes Hotel, in dem ich einst zusammen mit meiner Frau wunderschöne Ferientage verbracht hatte. Die Wochen danach waren Versuche, mein Leben allein zu bewältigen. Für mich war klar, ich würde die nächsten Jahre nun alleine leben müssen. Doch war das wirklich ich? Wollte und konnte ich alleine sein? Die Worte des Chefarztes kamen mir wieder in den Sinn: «Überlegen Sie in Ruhe, wie Sie nach dem Tod Ihrer Frau leben wollen.»

Neubeginn

Ich meldete mich im Tanzklub an, meine einstige Trainerin empfing mich mit offenen Armen. Sie vermittelte mir auch gleich eine Tanzpartnerin. Sie war einst eine sehr gute Tänzerin gewesen, wir kannten uns von früher. Auch sie war allein, ihr Mann war gestorben. Ich lernte interessante Frauen kennen, doch alle Versuche, eine neue Partnerschaft einzugehen, scheiterten. Die «Richtige» war nie dabei. Weiterhin lebte ich allein in unserem Einfamilienhaus, einem grossen Haus mit 6½ Zimmern. Hier hatten wir unsere vier Kinder grossgezogen, doch jetzt, ganz allein, war das Haus viel zu gross und zu leer. In Rücksprache mit den Kindern verkaufte ich das Haus und mietete in Zürich, wo ich aufgewachsen bin und die Schulzeit verbracht habe, eine schöne, neu renovierte Wohnung.

Geduld bringt Rosen

Doch dann, es war kurz vor Weihnachten, lernte ich meine jetzige Frau kennen. Für beide war es ein wunderbares Glück. Wir trafen uns, kamen ins Gespräch und erzählten einander aus unserem Leben. Rasch spürten wir die vielen Gemeinsamkeiten und wir spürten auch, dass uns mehr verband: Wir gehörten zusammen.

Mein Goldschatz

Heute bin ich überzeugt: Das war göttliche Bestimmung! Wir sind nun bereits mehr als 17 Jahre verheiratet, leben glücklich und in grosser Harmonie zusammen. Unser Geheimnis: Wir pflegen einen regen Dialog. Unsere Familie besteht nun aus sieben erwachsenen Kindern, 16 Enkelkindern und im Moment drei Urenkeln. Wir geniessen unsere Zeit und pflegen ebenfalls mit grosser Freude das Tanzen und besuchen gerne Konzerte in der Tonhalle. Wichtig ist uns auch die Pflege unserer Freunde. Für mich ist meine Partnerin mein «Goldschatz». Sie umsorgt mich und steht mir in unseren vielen guten, aber auch traurigen Momenten immer bei. So zum Beispiel damals, als ich meinen ältesten Sohn vor zwei Jahren plötzlich infolge eines Herzinfarktes verlor. Sie half mir sehr, diese tiefe Wunde zu heilen, auch wenn die Narbe für immer bestehen bleiben wird.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

Kleine Schwester Menorca

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