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Kindergärtner ist der schönste Beruf

Kindergärtner ist der schönste Beruf

Jakob Näf, diplomierter Landwirt, hätte den elterlichen Hof übernehmen sollen. Aber so richtig heimisch hat er sich in der Bauernwelt nie gefühlt. Vor 20 Jahren fand er seine berufliche Heimat als Kindergärtner – und kann sich bis heute nichts Besseres vorstellen.

Die Mütze des Polizisten sitzt etwas schief, so schnell kurvt er mit seinem Gefährt um die Ecke. Seine Augen blitzen, seine Backen sind feuerrot vor Eifer. Doch plötzlich beendet ein Singsang seine Fahrt abrupt: «Uufrume, uufrume, jetzt isch Zyt!» – Der Polizist legt einen eleganten U-Turn hin und stösst dann seinen Dienstwagen in den Geräteschuppen mit der korallfarbenen Front, nimmt die Mütze vom Kopf und wird wieder zum Kindergartenkind. Seine Gspänli flitzen wie Pfeile in den grosszügigen Garten des Kindergartens Neumühle in Goldach am Bodensee, bringen die Torpfosten vom Fussball, den Ball, Kreiden und Sandgeschirr zu ihrem Kindergärtner Jakob Näf, dann gehen alle zusammen in den Kindergarten.

Hätte Jakob Näf vor über einem Vierteljahrhundert nicht auf sein Bauchgefühl gehört, würde er heute womöglich in Hemberg im Toggenburg den Kälbchen beim Toben zuschauen, das Feld bestellen. Als einziger Sohn einer Bauernfamilie sei es einfach logisch gewesen, dass er den Hof übernehme, sagt der Ostschweizer heute. «Für mich stimmte das zunächst auch. Mit der Berufswahl war ich überfordert, ich hatte schlicht keine Idee, was ich sonst hätte lernen sollen. Ausserdem war ich gerne mit Tieren zusammen, kannte den Beruf des Bauerns von klein auf, und ein Hof war auch schon da», erzählt er und lacht. So perfekt die äusseren Umstände passten, so wenig stimmte es innerlich. Jakob spürte von Jahr zu Jahr stärker, dass diese Bauernwelt nicht seine war. Als «kreativer Chaot» mit einer Leidenschaft für Kultur, Literatur, Musik und Schauspiel habe er sich an Viehschauen, Jodler­chränzli und Diskussionen über den Milchpreis immer fehler am Platz gefühlt. Dazu kam, dass er «praktisch eher unbegabt» sei, während seine Kollegen mühelos den Traktor reparierten oder den Stall zum Teil selber umbauten.

Rollenwechsel

«Mir gönd in Chreis», singt er jetzt. Die Mädchen und Buben setzen sich auf ihre Stühle, gemeinsam singen alle das Lied vom Osterhasen. Mucksmäuschenstill wird es dann, als «Herr Näf» die Bilderbuchgeschichte von «Heidi Has» ankündigt, die ein neues Zuhause sucht, weil sie sich in ihrem so langweilt. Sobald die Geschichtenkerze brennt und der letzte Ton der Geschichtenmusik verklungen ist, schlüpft Jakob Näf abwechselnd in die Rollen von Heidi Has und der Tiere, die Heidi besucht. Die Kinder kichern, als er mit piepsiger Mäusestimme spricht, sie klopfen wie Heidi Has auf den Boden (statt an die Tür), sie halten den Atem an, als der Bär – jetzt ist die Stimme des Kindergärtners ganz tief – aus dem Winterschlaf zu erwachen droht, sie schauen entsetzt, als Heidi Has sich ausgerechnet in einer Fuchshöhle niederlassen will, und seufzen erleichtert auf, als sie sich dann doch auf den Heimweg macht, weil es nämlich nirgends schöner sei als daheim. Man könnte eine Stecknadel fallen hören.

Wer Jakob Näf zuschaut, spürt sofort: Hier hat einer sein «berufliches Daheim» gefunden. Doch der Weg dorthin war kein Spaziergang.

Zunächst wusste er nur, dass er die Landwirtschaft verlassen wollte, nicht aber, wofür. Sportlehrer hätte ihm gefallen. In jungen Jahren war Jakob ein erfolgreicher Mittel- und Langstreckenläufer. Als Sportlehrer hätte er jedoch in mehreren Disziplinen überragend sein müssen. Er begrub diese erste Idee und machte stattdessen ein Praktikum auf einer Wohngruppe mit Kindern mit einer geistigen Behinderung. «Da ist für mich eine neue Welt aufgegangen», erinnert er sich. Die soziale Arbeit sagte ihm sofort zu, das Zusammensein mit den Kindern, der Austausch im Team. Und doch fühlte es sich nicht ganz richtig an. Ein zweites Praktikum folgte, diesmal als Hilfspfleger. Wieder gefiel ihm die Arbeit. Aber den Pflegerberuf zu lernen, das konnte er sich nicht vorstellen. Irgendetwas fehlte.

«So ein lässiges Alter»

Der Zufall kam ihm zu Hilfe. In seiner Freizeit besuchte er oft Freunde und Bekannte mit Kindergartenkindern. Jakob erzählte ihnen Geschichten, hörte zu, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählten, und erfand Spiele. «So ein lässiges Alter», dachte er sich. «Die Kinder sind neugierig, voller Fantasie und offen.» Und plötzlich machte sich eine Idee breit in seinem Kopf: «Kindergärtner werden, das wärs.»

Er bestand die Aufnahmeprüfung am Kindergartenseminar St. Gallen, zog wieder auf den elterlichen Hof und begann die Ausbildung – als einer von gerade mal zwei Männern in seiner Klasse. «Das war kein Problem für mich, ich konnte es schon immer gut mit Frauen.»

Dennoch habe ihn der Schritt Überwindung gekostet: «Ich lebte wieder zu Hause, doch statt den Betrieb zu leiten, besuchte ich das Seminar – für meine Eltern war das eine herbe Enttäuschung.» Natürlich habe er angepackt, wo er konnte, das schlechte Gewissen sei während der vierjährigen Ausbildung sein steter Begleiter gewesen, anfangs stärker, später schwächer.

Organisation und Führung

Denn das Seminar habe ihn gefordert. Die vielen Fächer, die auf ihn zukamen, die Praktika in den Kindergärten. Zwei Dinge musste er, der kreative Chaot, besonders lernen: eine sorgfältige Organisation der Kindergartenhalbtage und eine klare Führung. «Beides lag mir nicht», sagt er heute im Rückblick. «Ich dachte etwas naiv an ein demokratisches Miteinander mit den Kindern. Doch sie brauchen klare Ansagen, eine Führung. Und ich hätte nie gedacht, dass in einem Kindergarten so viel Organisation nötig ist.» Mit Schaudern erinnert er sich an eine Sinneslektion mit Sand im Praktikumskindergarten: «Sie endete im totalen Chaos, der Sand flog durch den Raum und die Kinder machten, was sie wollten. Ich erhielt dafür eine entsprechend schlechte Note.» Heute kann er über den «Tiefpunkt seiner Ausbildung» lachen. Selbst nach 20 Jahren Erfahrung als Kindergärtner sei die Organisation noch immer nicht seine Stärke, räumt er freimütig ein. Und ein Superbastler werde aus ihm wohl nie werden.

Aber sein Feuer für diese Altersstufe und seinen Beruf brenne wie eh und je: «Die Kinder sind voller Ideen und Fantasie. Jedes ist anders, jede Klasse ist wieder anders, jeder Tag ist anders. Ich kann sie bei grundlegenden Lernschritten begleiten – etwa wenn es um den Umgang mit Gleichaltrigen geht oder darum, sich in der Gruppe zu behaupten, Freundschaften zu schliessen.» Darüber hinaus geniesse er die Freiheit bei der Gestaltung eines Themas. Jetzt gerade sind die Bremer Stadtmusikanten daran, in einer Woche führt die Klasse ihr Theater auf. Und ja, natürlich sei es auch manchmal streng. «Aber Spass und Freude überwiegen deutlich.»

Als Familienvater von drei Kindern bringe er heute Eltern viel mehr Verständnis und Bewunderung entgegen als in den ersten kinderfreien Jahren. «Ich weiss, was es braucht, bis alle Kinder pünktlich, angezogen und mit einem Znüni das Haus verlassen», sagt er heute. Seine Frau, ebenfalls Kindergärtnerin – kennengelernt haben sich die beiden am Seminar – bildet sich zur Schulischen Heilpädagogin weiter. «Sie überholt mich gerade», sagt er mit einem Schmunzeln. Er selber werde dem Kindergarten treu bleiben: «Kindergärtner ist der schönste Beruf.»

Zeit fürs Abschiedslied. Wer will eines wünschen? Das «Elfi-Glöggli», der uralte Klassiker, kommt in die Kränze. Jakob Näf formt seine beiden Hände zu einer Glocke, die Kinder ahmen es nach, sie singen und läuten gemeinsam. Danach geht der Kindergärtner von Kind zu Kind, singt einen Glockenschlag, zum Beispiel «Bim-Bam-Bim», das Kind singt es nach und geht danach in die Garderobe. So leert sich der Kreis, am Schluss steht Jakob inmitten der kleinen Stühle und schaut mit einem Lächeln den Kindern nach. Er weiss: Seine Kindergartenglocke wird noch lange nicht verstummen.

Franziska Hidber

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