Seite auswählen

Einblicke

Lernen, ein gutes Ehepaar zu sein

Lernen, ein gutes Ehepaar zu sein

Das Leben lässt sich nicht planen, weder das grosse Glück noch das grosse Unglück. Und manchmal liegt beides so nah beisammen. Remo (63) aus Solothurn erzählt:

Wissen Sie, er war meine grosse Liebe. Ich war 23 Jahre alt, als mein Bruder Hansjörg zu Hause vorstellte. Ich fand ihn auf Anhieb sympathisch und wir kamen rasch ins Gespräch. Aus einer losen Freundschaft wurden regelmässige Ausflüge, bis wir schliesslich heirateten.

Familienleben mit einem Hindernis

Dann kam eine sehr strenge Zeit. Innerhalb von sechs Jahren gebar ich unsere vier Kinder. Drei Buben und ein Mädchen, während dieser Zeit wurde Hansjörgs jüngere Schwester melancholisch, hatte Streit mit den Eltern und zog zu uns. Wir hatten Platz, und Hansjörg dachte, dass sie mir zur Hand gehen könnte. Doch sie war mein «fünftes Kind», wie ich bald merkte. Launisch, faul und sehr unverbindlich. Ich konnte mir plötzlich sehr gut vorstellen, dass die Eltern Druck gemacht hatten.

Unser Ältester Michael fand, dass sie wie die Pechmarie aus «Frau Holle» sei, nämlich faul und verwöhnt. Und wie es kleine Kinder so an sich haben, sagen sie vieles ganz offen, sodass es alle hören konnten. Sie fand dies gemein und war überzeugt, dass ich sehr gezielt diese Geschichte erzählt hätte, um sie blosszustellen.

Anzeige

Anzeige

Auf unsere Kosten

Diese Frau blieb ganze zwei Jahre bei uns. Es war enorm belastend für uns, und mehr als einmal bin ich in Gedanken mit meinen Kindern ausgezogen. Hansjörg aber fand es völlig in Ordnung, dass man sich innerhalb der Familie in Notsituationen hilft. Da er tagsüber weg war und an den Wochenenden seine Schwester bei anderen auf Besuch, nahm er den Stress gar nie wirklich wahr. Auch die Hinweise der Kinder überhörte er geflissentlich. Ich aber fand, dass diese mittlerweile 21-jährige junge Frau auf ihren eigenen Beinen stehen sollte. Es reichte nicht, den Kiosk vom Strandbad zu bedienen, wobei sie die Hälfte der Zeit fehlte, also im Grunde genommen auf unsere Kosten lebte. Sie mochte Kinder nicht und war auch nicht bereit, auf unsere Jüngste aufzupassen.

Mein schlimmster Augenblick

Als sie Thomas, damals fünf, im Strandbad vergass und alleine nach Hause kam, reichte es dann auch Hansjörg. Sie wollte nur mal eine Runde schwimmen und hatte ihn mitgenommen. Ich wusste davon nichts, war mit den beiden grossen Buben und unserer Jüngsten bei meinen Eltern am Kirschen ablesen. Als ich nach dem Abendbrot nach Hause kam, sass Hansjörg vor dem Fernseher und sie machte sich bereit wegzugehen. Auf die Frage nach Thomas zuckte sie zuerst nur die Schultern. Ich suchte ihn im Garten, dann bei der Nachbarin, als ich plötzlich sah, wie sie sich eilends davonmachte. Da stimmte doch was nicht!

Ich war wie von Sinnen: Wo war mein Bub? Ich stellte Hansjörg den Fernseher aus und fragte ihn ganz ruhig, so ruhig, dass er erschrak: «Hansjörg, wo ist unser Bub?» Da erinnerte er sich, dass sie ihn zum Schwimmen mitgenommen hatte. So rasch bin ich in meinem Leben noch nie zum Strandbad gerannt. Auf halbem Weg sah ich sie beide kommen. Sie zog ihn, er weinend mit einem Glace in der Hand, das ihm über die Hand lief, hinter sich her und redete pausenlos auf ihn ein. Mir versagten beinahe die Beine, als ich meinen weinenden Buben in den Armen hielt.

Sie oder ich

Hier hatte ich zum ersten Mal den Mut, eine Forderung zu stellen. Als alle Kinder im Bett lagen, versorgt mit Ovomaltine und einer Geschichte, ging ich zu Hansjörg in die Küche und sagte: «Sie oder ich mit den Kindern.» Da zeigte er aus dem Fenster hinaus und ich sah, wie seine Schwester mit ihrer gepackten Tasche soeben das Haus verliess.

Sie war unmöglich und noch heute frierts mich, wenn ich an sie denke. Das Zimmer hinterliess sie in einem chaotischen Zustand. Sie hatte sich eingenistet wie eine Ratte, die immer dicker wurde. Hansjörg merkte in den darauffolgenden Wochen, wie sehr sie auch unser ohnehin mageres Budget belastet hatte.

Anzeige

Anzeige

Der ganz normale Alltag

Von da an genoss ich unser Familienleben, freute mich an den Kindern und keine Arbeit war mir zu viel, Hauptsache, es ging uns gut. Alle Kinder machten später eine gute Ausbildung und wurden rechte Leute und als Hansjörgs Eltern älter wurden, war es für mich selbstverständlich, dass ich jeweils einmal am Tag bei ihnen vorbeischaute. Wenige Jahre später benötigten auch meine Eltern vermehrt Unterstützung, und weil ich gleich um die Ecke wohnte, war es irgendwie selbstverständlich, dass ich auch da regelmässig vorbeischaute, im Haus und Garten half und für sie kochte.

Die Jungen kommen

Innerhalb von vier Jahren verloren Hansjörg und ich unsere Eltern, alle vier hochbetagt und vor ihrem Tod sehr pflegeabhängig. Und schon purzelte die nächste Generation ins Haus, ein, zwei, drei … es ging Schlag auf Schlag, bis auf Thomas hatten die anderen drei in kurzer Folge geheiratet und waren Eltern geworden. Michael zog mit seiner Frau weiter weg, für einige Jahre sogar nach Deutschland, die anderen beiden blieben in unserer Stadt und ich sah sie öfters. Wie freute ich mich über unsere Enkel. Regelmässig weilte das eine oder andere im Haus. Sie halfen mir «Beereli gwünne», begleiteten mich zum Einkaufen oder planschten im Schwimmbädli. Ich war das Grosi und Hansjörg der Grossvater. Am Wochenende, wenn er im Garten Beete umstach, halfen ihm die Enkel mit ihren Schüfeli und Chübeli. Der Sandkasten wurde noch einmal frisch hergerichtet und als er pensioniert war, baute er für die Enkelkinder als Erstes ein Holzhaus direkt unter dem Apfelbaum.

Dunkler Schatten

Es hätte so schön sein können. Doch bei mir machten sich zunehmend Ängste bemerkbar. Ich hatte Mühe mit dem Einschlafen. Wenn ich zu Bett ging, musste ich mich zweimal absichern, ob das Haus auch wirklich verschlossen war. Fuhren Hansjörg und ich mit dem Auto weg, schnürte es mir die Kehle zu. Ich bekam Atemnot und konnte nur noch Auto fahren, wenn das Fenster einen Spalt weit geöffnet war. In den Bus stieg ich nicht mehr ein und einer grossen Menschenansammlung ging ich aus dem Weg. Das Einkaufen erledigte ich noch beim Metzger und beim Bäcker in der Nähe, das grosse Kaufhaus mied ich, wann immer ich konnte.

Frei und unbeschwert – allein

Aber auch die Nähe von Hansjörg hielt ich nur mehr schlecht aus. Seine Reden während dem Essen, seine immer gleichen Fernsehsendungen «Nachrichten, Sport, Nachrichten, Sport, manchmal ein Krimi …» ich konnte es nicht mehr sehen.
Ich ging früh zu Bett und war bald wieder wach. Schliesslich zog ich ins Gästezimmer, um seinem Schnarchen zu entfliehen.
Mein Leben fand plötzlich nur noch in Haus und Garten statt. Ich spürte, wenn Hansjörg einen Ausflug machen wollte, dass mich eine bleierne Müdigkeit überfiel. Irgendwann mochte ich nicht mehr mitfahren. Ich war froh, wenn er alleine fuhr und seine Kollegen besuchte oder zum Fischen ging, Dann fühlte ich mich im Haus frei und fast unbeschwert.

«E Langwiligi»

Seit er pensioniert war, trug ich schwer. Ich war es gewohnt, alleine den Tag zu gestalten und die Hausarbeit zu verrichten. Dass ich nun auf Hansjörg warten musste, bis ich endlich die Küche machen konnte, nur weil er stundenlang am Küchentisch Zeitung lesen wollte und dazwischen Kaffee trinken und Brötli essen – das war schwer zu ertragen. Ich konnte nichts fertig machen. Dass er neben dem Staubsauger herlief und eine Rede führte und fand, ich sei unanständig, weil ich das Gerät nicht abschaltete, machte die Sache auch nicht besser. Hansjörg fand sich damit ab, dass ich melancholisch sei. Ich sei schon immer so gewesen. Das stimmte zwar nicht, aber er war dieser Meinung und dabei blieb er. Zudem fand er mich «e Langwiligi».

Anzeige

Anzeige

Wie Schuppen von den Augen

Es war meine Tochter, die mich darauf aufmerksam machte, dass ich immer dann am fröhlichsten sei, wenn der Papa weg sei. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass ich im Grunde genommen, all die Jahre hinweg, ein eigenes Leben gelebt hatte. War er bei der Arbeit, war ich in Haus und Garten. War er daheim, sass er vor dem Fernsehgerät und ich war mit den Kindern und den Hausaufgaben beschäftigt. Jetzt hatte er Zeit und alles hatte nach seinen Plänen zu funktionieren. Das heisst, ich hatte nach seinen Plänen zu funktionieren. Ich hielt seine Nähe kaum mehr aus. Ich schämte mich, aber mir wurde klar, dass dieser Zustand nicht neu war. Schon lange hatten wir uns entfremdet und mit zunehmendem Alter war er auch sehr eigen geworden. Seine Meinung ging über alles, er war stur und unnachgiebig.
Nach aussen hin waren wir ein gutes Ehepaar, führten eine gute Ehe, doch dies war eigentlich nur noch Fassade.

Lernen, auf mich zu hören

Mein Hausarzt und meine Tochter haben mir dann aufgezeigt, dass, wenn ein Mensch nie wirklich gelernt hat, seine Meinung zu sagen, wenn niemals jemand da war, der diese Meinung hören wollte, man dann seine Wut und seine Trauer gegen sich richtet.

So habe ich gelernt, im Alter mit 81 Jahren, dass auch ich einfach so leben darf, wie ich will. Die schwierigsten Momente sind unsere Essenszeiten, wenn er ins Dozieren verfällt und er, nur er, ganz genau weiss, wie man die Welt verbessern kann, aber nicht mal in der Lage ist, dem Nachbarn freundlich Grüezi zu sagen.

Aber ich habe gelernt, dass es mir gut tut, das zu machen, was mich freut. Weil meine Ängste geblieben sind, lade ich heute gerne dann und wann meine Kinder zu mir nach Hause ein, oder die Enkelkinder oder ein paar Frauen aus der Stadt. Dann flieht Hansjörg zum Fischen und ich habe meine schöne Zeit. Ist er da, verkrieche ich mich in die Bücher. Das Lesen ist mir jetzt im Alter lieb geworden. Früher hatte ich keine Zeit, nun bringt mir meine Tochter immer wieder neue Werke aus der Bibliothek. Dümmer wird man dabei auch nicht.

Und so lerne ich, auf mich zu hören und Hansjörg zu ertragen. Und, obwohl wir uns fremd geworden sind, ein gutes Ehepaar zu sein.

Nacherzählt: Lotty Wohlwend

Ich muss hinaus in die weite Welt

Ich heisse Susanne, bin 1941 im Appenzellerland aufgewachsen und war von Beruf Krankenschwester. Während meiner Ausbildung besuchte ich regelmässig die Proben eines Chors. Sie waren für mich eine Möglichkeit, mich ausserhalb des Spitalcampus mit der Stadt und ihren Menschen vertraut zu machen. Ich kannte niemanden und ich fühlte mich sehr alleine. Auch im Personalhaus fühlte ich mich anfänglich sehr fremd. Das Haus war düster und kahl, die unregelmässigen Arbeitszeiten verhinderten viele Kontakte.

«Mann-oh-mann!»

Wie sich die Rolle des Mannes in wenigen Jahrzehnten verändert hat und wie der «moderne» Mann damit umzugehen weiss. Oder eben auch nicht. Eine Bestandesaufnahme (Teil 1).

Wird geladen

Anzeige