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Einblicke

Manchmal muss man zerbrechen …

Manchmal muss man zerbrechen …

… damit man wieder strahlen kann, so wie Scherben im Licht. Und erst die Möglichkeit, ihren Traum zu verwirklichen, machte das Leben endlich lebenswert.

Als ich damals mit Ende zwanzig von meinem kleinen Heimatdorf nach Zürich, in die grosse Stadt zog, dachte ich: Besser spät als nie! Endlich fängt das gute, wilde Leben an. Lange hatte ich den Absprung nicht gewagt, denn meine Heimat war alles, was ich gewohnt war, ich hatte Angst, meine Freunde zu vermissen oder keine neuen zu finden, und ich hatte seit einigen Jahren einen Hund, den ich zwar abgöttisch liebte, der aber auch meine Freiheit recht stark beeinträchtigte. Denn das Reisen ging damit nicht allzu gut, und einen Job zu finden, den man entweder von zu Hause aus machen konnte oder bei dem man ihn mitbringen durfte, war auch nicht so leicht. Letztendlich fand ich aber einen Job in Zürich bei einer kleinen, aber aufstrebenden jungen Zeitung, und es sah aus, als meinte es jemand da oben gut mit mir. Eine neue Kollegin, Katharina, fing gleichzeitig mit mir an, und wir wurden schnell ein gutes Team, arbeiteten wir doch für denselben Bereich. Auch meine anderen Kollegen waren sehr nett, und ich ging jeden Tag gerne in die Redaktion. Nach der Arbeit sassen wir oft noch lange Zeit zusammen auf der Terrasse und tranken Bier und lachten, oder wir gingen feiern bis in die frühen Morgenstunden. Ich genoss das Leben in vollen Zügen und blieb viele Jahre bei dieser Zeitung, denn ich war dankbar für den Job, für die Freude, die ich am Schreiben hatte, und für mein neues und interessanteres Leben in Zürich. Trotz der eher mässigen Bezahlung wäre ich wahrscheinlich noch ewig in dieser Firma geblieben.

Viel Arbeit, wenig Schlaf

Eines Tages bekamen wir einen neuen Vorgesetzten, Christoph von Bülow. Christoph bekam ein stattliches Gehalt, und natürlich wollte er auch zeigen, dass das so gerecht war. Also stellte Christoph neue Regeln auf. Diese beinhalteten, dass wir mehr leisten mussten. Dafür gab er uns eine Handvoll unbrauchbare Tipps mit, wie sich dies alles doch ganz einfach machen liesse. Da er eigentlich keinen Überblick hatte, wie viel wir leisteten, blieben wir länger, um das gesteigerte Arbeitspensum zu erfüllen. Christoph kündigte an, bei den Teams, deren Kollegen bisher gleichberechtigt und motiviert zusammengearbeitet hatten, Teamleiter zu ernennen. Der Konkurrenzdruck wuchs. Wir blieben noch länger im Büro als vorher und arbeiteten noch angestrengter. Die Überstunden wurden weder bezahlt noch abgefeiert. Die Leistungen stiegen, die Stimmung sank. Frust und Lästereien waren an der Tagesordnung, und ich merkte, dass ich immer schlechter schlafen konnte.

Irgendwann kam der Tag, an dem die Teamleiter benannt wurden. Ich war nicht darunter. Ich fühlte mich gedemütigt, hatte ich doch genauso viel geleistet und war nun meiner Kollegin unterstellt, die sehr schnell vom freundschaftlichen Ton auf «Big Boss» umschaltete. Ich litt und kämpfte. Ich blieb noch länger und gab 150 Prozent. Zu Hause beruhigte ich meine Nerven jeden Abend mit Whisky – das hatte mir ein Bekannter geraten, der ebenfalls einen stressvollen Job hatte. Meine Anstrengungen lohnten sich – einige Monate später wurde auch ich zur Teamleiterin für ein anderes Team benannt. Natürlich wollte ich nun beweisen, dass die Entscheidung richtig war. Doch meine neuen Teamkollegen waren von meinem Ehrgeiz gar nicht begeistert, denn sie hatten es sich in ihrer Abteilung doch recht gemütlich gemacht, so wie es war, und hatten weder Lust auf Veränderung noch waren sie besonders motiviert, hatten sie ja schliesslich nichts zu beweisen.

So kam nun also der Druck von oben, und von unten war es auch nicht besonders angenehm. Das gewünschte Ziel, das ich nun endlich erreicht hatte, brachte mir nur noch mehr Stress ein. Morgens wachte ich oft mit einem schmerzenden Kiefer auf – ich hatte in der Nacht vor lauter Stress mit den Zähnen geknirscht.

Das Leben ist immer für Überraschungen gut

Doch nun ja, Arbeit ist nicht alles im Leben, und zumindest war mein Hund gesund und ich hatte seit anderthalb Jahren eine funktionierende Beziehung. So dachte ich. Doch ein Unglück kommt selten allein, und in dieser schweren Zeit starb mein geliebter Hund. Ich ging ein paar Tage nicht zur Arbeit, doch ich fing mich nach einiger Zeit wieder. Dabei half mir auch mein Freund, denn ich war bis über beide Ohren verknallt in diesen jungen Mann, der ein paar Jahre jünger war als ich, und von dem ich kaum die Finger lassen konnte. Zwar hatten wir unterschiedliche Vorstellungen über unsere Zukunft, denn er hatte einen starken Kinderwunsch, während ich durch meine lange Ortsgebundenheit als Hundebesitzerin nach Reisen und Abenteuern dürstete, doch ich dachte, wir würden das schon hinbekommen, denn ich liebte ihn so sehr und er sagte, ihm gehe es genauso. Wenige Monate später machte mein Freund Schluss mit mir. Es war das bisher schmerzhafteste Gefühl meines Lebens, und ich verbrachte viele Nächte schweissgebadet, mit rasendem Herzen und einem Gefühl, als hätte ich einen schmerzenden, pochenden Pflock in der Brust. Auf der Arbeit konnte ich mich schlecht konzentrieren, vergass wichtige Dinge und verpasste Abgabetermine. Meine Kollegen waren keine Hilfe, die Stimmung war mittlerweile unerträglich geworden.

Am liebsten hätte ich alles hingeschmissen, doch wollte ich mich nicht als «Loser» aus der Geschichte verabschieden. Irgendwie musste man das Ruder doch noch herumreissen können. Auch meine Eltern machten keinen Hehl daraus, dass sie wünschten, dass ich mit dem nervenaufreibenden Job weitermachte. «Wir wünschen dir Durchhaltevermögen und dass du es schaffst.» Eigentlich hätte ich eher ein wenig Glücklichkeit gebrauchen können, aber das wünschte mir keiner. Das Glücklichsein wird im Vergleich zum Erfolgreichsein bei vielen hinten angestellt.

Eines Tages kam ein Freund zu Besuch, der mittlerweile im Ausland lebt. Wir trafen uns nach meiner Arbeit. Ich sah wirklich schlecht aus. Mit knapp 40 kann man Schlafmangel und Stress eben nicht mehr vertuschen. Wir gingen in eine Bar und begannen zu trinken. Nachdem ich ihm mein ganzes Unglück geklagt, sagte er zu mir: «Weisst du was, Tanja? Nachdem ich das jetzt gehört hab, bin ich mir sicher, du hast dir erst mal so eine richtig schöne Auszeit verdient. Wir gehen heute feiern, und du machst einfach mal ein paar Tage krank!» Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Das fühlte sich richtig an! Wir feierten die ganze Nacht und ich vergass mein ganzes Unglück.

Ich ging am nächsten Tag nicht zur Arbeit. Auch nicht am übernächsten. Ich liess mich für eine Woche krankschreiben, dann für noch eine weitere. Ich ging überhaupt nicht mehr zurück ins Büro. Mit ein bisschen Abstand merkt man erst mal, wie verrückt man eigentlich war. Das ist mein Leben, und ich hab nur eins davon.

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Der Neuanfang in Tausenden von Kilometern Entfernung

Ich kündigte meinen Job und ging reisen. Eigentlich hatte ich geplant, nur ein paar Monate lang wegzubleiben und dann zurückzukommen und einen neuen Job in einer anderen Firma zu suchen. Nun aber reiste ich erst einmal durch Südostasien und blieb letztendlich auf einer kleinen Insel in Thailand hängen. Hier schien die Sonne jeden Tag, es war warm und das Essen und ein kleines Haus spottgünstig. Ich lernte, Motorroller zu fahren. Dabei war ich anfangs nicht allzu geschickt und dachte, das schaffe ich nie. Aber wenn kleine Kinder das können, und das sogar zu dritt oder zu viert auf nur einem Gefährt, dann kann ich das auch. Natürlich klappte es irgendwann auch. Mit wehenden Haaren an der Küste entlangzufahren, über hügelige Strassen durch die Palmenwälder oder durch die kleinen Ortschaften mit all den freundlichen Menschen, Essensständen und exotischen Gerüchen – dies machte mich oft so glücklich, dass mir beim Fahren die Tränen in die Augen stiegen und durch den Fahrtwind senkrecht meinem Gesicht entlangliefen.

Zu Hause war ich oft ohne Grund durch die Kaufhäuser gezogen und hatte mein Geld für Kleidung, Schuhe und sinnlose Deko­artikel ausgegeben. Das alles brauchte ich hier nicht mehr. Wenn man glücklich ist, muss man nichts mehr kaufen.

Ich sagte meiner Familie, dass ich länger bleibe. Meinen Rückflug, den ich nicht umbuchen konnte, liess ich verfallen. Meine Eltern waren aufgebracht, denn sie erwarteten von mir, dass ich bald zurückkam und wieder ein in ihren Augen geordnetes Leben führe. «Es kann ja nicht immer nur um Spass gehen», sagten sie. Das ginge ja nicht. Je näher der nächste Termin für meinen Heimflug rückte, desto nervöser wurde ich, denn es fühlte sich nicht richtig an. Zu Hause war ich nie so glücklich gewesen wie hier. Und was bleibt uns am Ende des Lebens? Welcher Mensch, der kurz vor seinem eigenen Tod steht, wünscht sich, er hätte härter gearbeitet, mehr Zeit im Büro verbracht oder mehr den Erwartungen anderer entsprochen? Ich denke, es sind nicht allzu viele.

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Mein neues Leben auf einer kleinen Insel

Ich traf neue Freunde aus der ganzen Welt, mit denen ich ausgiebig über das Leben und das Glück philosophierte. Viele darunter, die sich auch in ihrem Heimatland abgerackert hatten und sich irgendwann gesagt hatten: Nicht mit mir. Wir sind oft gefangen in einer Maschinerie aus Gesellschaft, Familie, Freunden, die einem alle weismachen wollen, man könne nicht das Leben führen, das einen glücklich macht, weil es einfach nicht gehte. Sie haben es nie versucht, aber sie haben Angst davor. Wo kämen wir hin, wenn jemand damit durchkäme? Dann würde ihre Weltsicht ja zusammenbrechen. Ich jedenfalls, weit in der Ferne, traf eine Menge Menschen, die es ausprobiert hatten: das gute Leben. Und viele hatten es geschafft. Warum also nicht auch ich. Ich kam zurück nach Zürich, kündigte meine Wohnung, verkaufte mein Auto und zog wieder los, begleitet vom ungläubigen Kopfschütteln meiner Familie und meiner Bekannten.

Heute lebe ich auf meiner geliebten thailändischen Insel und betreibe ein kleines Internet-Café, in das viele Touristen und Auswanderer zum Surfen und Arbeiten kommen. Keine nervigen Chefs und Kollegen mehr, und Geld brauche ich sowieso nicht viel, da ich jetzt glücklich bin. Meine Freunde und Familie zu Hause bewundern mich. Ich habe es geschafft, und in ihrer kleinen Welt hat niemand gedacht, dass das möglich wäre.

Heute ist mir bewusst, dass ich mich an viel zu viele Dinge gebunden habe. Vieles, was mich unglücklich machte, habe ich als gegeben hingenommen und versucht, trotzdem glücklich zu sein. Anstatt einen Weg einzuschlagen, der wirklich Zufriedenheit bringt. Heute kaufe ich keine unnötigen Sachen mehr, ich halte nicht mehr an Beziehungen oder Freundschaften fest, die mir nicht wohltun, und ich geniesse die Sonne, den Strand und die glücklichen, verrückten Menschen um mich herum. Kein Tag wirkt verschwendet, wenn die Sonne scheint und man das tut, worauf man gerade Lust hat.

Meine Geschichte auf dem Weg zum Glück startete mit mehreren aufeinanderfolgenden Unglücken. Heute bin ich dankbar dafür. Denn wäre mein Hund gestorben, aber mein Freund geblieben, so wäre ich es wohl auch. Und wäre der Job nicht immer furchtbarer geworden, dann hätte ich mich weiterhin dem Stress und der Unzufriedenheit ausgesetzt, aus der Angst heraus, wenn ich etwas anderes wage, könnte es ja vielleicht noch schlimmer kommen.

Das Tolle ist, dass meine Geschichte auch zwei Freunde von mir motiviert hat, aus ihrem bisherigen Leben, in dem sie nicht glücklich waren, auszubrechen. Was kann es Schöneres geben, als wenn das eigene Glück auch auf andere weiterstrahlt?

Ich wünsche allen Menschen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind, dass sie den Mut finden, mit einem grossen Schritt aus ihrer bisherigen Routine zu treten. Beweist den Leuten, die euch glauben machen wollen, es ginge nicht, das Gegenteil. Ich habe es nie bereut.

Nacherzählt von: B. Fischer

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