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Einblicke

Mein Kriegserbe – die Last meiner Vorfahren

Mein Kriegserbe – die Last meiner Vorfahren

Ich bin Schweizer. Bin ich das wirklich? Der Krieg hat meine Familie mütterlicherseits wie väterlicherseits sehr beeinflusst und geprägt. Eine kleine Hommage von Eric an ein kleines Land mit bewährten, sicheren Strukturen.

Mein Grossvater väterlicherseits stammt aus Belgien, mein Grossvater mütterlicherseits aus Österreich. Beide führte das Schicksal während des Zweiten Weltkriegs als Kinder beziehungsweise Jugendliche in die Schweiz. Während mein belgischer Grossvater Georg nach dem Krieg sofort wieder nach Belgien ausreiste, um das Geschäft seines Vaters wieder in Gang zu bringen und die Liegenschaften zu verwalten, blieb mein Grossvater Ernst aus Österreich in der Schweiz. Im Gegensatz zu Georg hatte seine Familie im Krieg alles verloren. Firma (Stickerei), Geld und auch die Liegenschaft wurde ihnen enteignet. Ernst war Halbjude.

Die Geschichte von Ernst

Sein Vater wurde im KZ umgebracht, seine Mutter Anna entfloh mit den vier Kindern in die Schweiz. Der Vater hatte der Familie Geld in die Schweiz transferiert, damit sie überleben konnten. Bis die Mutter mit ihren vier Kindern jedoch an das Geld herankam, verging sehr viel Zeit, zu viel Zeit. Ernst erzählte mir einmal, dass sie in dieser Zeit bei einem Schweizer Bauern im Schuppen lebten und nur durch die Arbeit der Mutter auf jenem Hof ein paar Nahrungsmittel bekamen. Der Winter war arg. Die Kälte im Schuppen und das wenige Essen machten das jüngste Kind krank, und wahrscheinlich starb es deswegen an einer schweren Lungenentzündung. Dann wurde die Polizei auf die Familie und ihr Leben im Schuppen aufmerksam und holte sie von da weg. Zuerst sah es aus, als ob die Mutter mit ihren vier Kindern wieder nach Österreich abgeschoben würde. Doch dann kam plötzlich Bewegung in die Sache: Die Mutter konnte nachweisen, dass eine Tante im Berner Oberland leben würde, sie jedoch die Adresse nicht hatte. Mit Sicherheit würde die Tante die Familie aufnehmen.

Und so war es dann auch, durch die Polizei konnte Tante Marti ausfindig gemacht werden. Eine Wittfrau, die mit grosser Freude ihren Angehörigen aus Österreich Platz bot. Sie wusste schon länger, dass die Familie in der Schweiz lebte, sie wusste auch wo. Über mehrere Monate hinweg leistete sie dem Bauer monatliche Zahlungen, die er aber als Kost- und Mietgeld ganz selbstverständlich für sich behielt.

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Die Geschichte von Georg

Georg floh als junger Mann zusammen mit seiner Familie in die Schweiz, weil sein Vater durch die SS immer mehr in Bedrängnis geriet. Die wohlhabende flämische Familie handelte mit Immobilien und geriet immer mehr ins Kreuzfeuer der Deutschen. Sie mussten von ihren Angestellten und ebenso von den Mietern und Käufern Informationen preisgeben. «Kooperieren» lautete das Schlagwort, und Georgs Vater befand sich in einer schwierigen Situation und kam zunehmend in Bedrängnis. Georg erzählte seinen Enkeln, dass dannzumal keiner mehr dem anderen traute. Wer war für, wer gegen ihn. Klar war, wer den Deutschen Informationen preisgab, galt als Verräter. Doch wer nicht mit den Deutschen kooperierte, sah sich plötzlich Schikanen und Intrigen ausgesetzt. Das Leben und Arbeiten wurde unerträglich, die Spannungen nahmen ein Ausmass an, dass Vater sich sogar überlegte, zu sterben, nur um dem Druck zu entweichen und vor allem seine Familie vom Druck zu schützen und zu entlasten. Georgs ältester Bruder wurde bereits von der Fakultät ausgeschlossen, weil er als Unsicherheitsfaktor galt. Raimond war absolut unpolitisch. Doch sein Vater verstand die Botschaft sehr wohl. Sie galt ihm. Dann kam Hilfe von einer ganz unerwarteten Seite.

Weg aus der Hölle

Georgs Mutter wurde schwer krank. Schon lange fiel sie durch ihre bleiche Hautfarbe auf. Sie hatte viel Gewicht verloren, doch das war in dieser belasteten Zeit nichts Ungewöhnliches. Eines Abends brach sie in der Küche zusammen, und starke Blutungen setzten ein. Noch in derselben Nacht wurde sie notoperiert. Georg erzählte, dass Mutter beinahe gestorben sei, tagelang hing ihr Leben an einem seidenen Faden, und die Familie machte sich grosse Sorgen. Wie weiter? Ein Arzt riet der Familie, aus der Stadt wegzuziehen. Sie brauche frische Luft und viel Ruhe. Er meldete sie in einem Sanatorium in der Schweiz an und bekam prompt einen Platz.

Georgs Vater nahm diesen Entscheid als Fingerzeig des Schicksals, schloss das Büro, entsorgte heimlich Daten, die für die Deutschen von Interesse sein könnten, und fuhr mit seiner Frau und seinen Kindern nach Davos. Mutter wurde ins Sanatorium gefahren, die Familie logierte vorübergehend in einer Pension, bis es der Mutter wieder besser ging. So lautete die offizielle Version. Für immer, bis der Krieg vorbei war, war Vaters Entscheid. Mutter ging es wochenlang so schlecht, dass sie nicht einmal das Bett verlassen konnte. Täglich war sie umgeben von ihren Lieben. Jeden Tag wurde sie von ihnen besucht und unternahm erste Gehversuche. Doch Mutter war so matt, dass sie immer wieder kollabierte. Da wurde Vater gewahr, dass sie in einem deutschen Sanatorium untergebracht waren, mit einer deutschen Leitung. Er entdeckte auch, dass die Deutschen in diesem Bergdorf ungemein aktiv waren. Nazifahnen und Anlässe prägten das Dorf. Er war alarmiert und rechnete damit, dass man ihn hier genauso wie daheim in Belgien unter Druck setzen würde. Er fühlte sich in der Schweiz nicht mehr sicher und fasste die Weiterreise nach Amerika ins Auge. Doch er wusste, dass er dies mit seiner schwer kranken Frau nie bewältigen konnte.

Er ahnte, dass er als Neuzuzug im Dorf sofort registriert worden war, und als er nach wenigen Wochen sogar angesprochen wurde, war für ihn klar: Er war entdeckt und musste, um seine Familie schützen zu können, weg aus diesem Tal. Doch solange seine Frau dieser Hilfe bedurfte, mussten sie bleiben und sich ruhig verhalten. Leben wie Touristen, sich nicht auffällig benehmen, war die Devise. Die Kinder lernten Schlittschuhlaufen. Als nach drei Monaten seine Frau wieder etwas auf den Beinen war, wurden sie aus dem Sanatorium entlassen. Offiziell reisten sie zurück nach Belgien, in Aarau aber tauchte die Familie unter. George erzählte, dass die Familie ein Auto gemietet hatte, das sie in Aarau wechselten. Ein Mann fuhr das Auto weiter bis nach Basel, von wo aus die Familie hätte in den Zug einsteigen sollen. So die offizielle Version.

Als dieser Mann drei Tage später daheim von einem Beamten aufgesucht wurde und nach dem Verbleib der Familie gefragt wurde, wusste Georgs Vater, dass sein Gefühl ihn nicht betrogen hatte. Er und seine Familie wurden beschattet.

Valais einfach

Die Familie lebte drei Jahre in der Nähe von Sion in einem kleinen Dorf. Hier fühlten sie sich sicher und warteten das Kriegsende ab. Ein Jahr danach kehrten sie wieder nach Hause zurück. Das Büro gab es nicht mehr, es wurde rasch nach ihrem Weggang aufgebrochen und geräumt. Und als der Vater zurückkam, war dort längst eine andere Firma sesshaft. Die private Wohnung am Rande der Stadt aber war der Familie erhalten geblieben. Die Nachbarn hatten dort ihren eigenen Sohn samt Familie einquartiert, und so kam niemand auf die Idee, die Wohnung zu räumen und neu zu vermieten. Als Georg nach Hause fuhr, folgte ein Jahr später seine Verlobte Cécile. Das junge Paar hatte sich im Wallis kennen und lieben gelernt. Für Cécile war klar, sie würde ihrem Mann nach Belgien folgen. Die Jahre danach waren nicht einfach, doch Georg sagte immer, die guten Kontakte seines Vaters machten es möglich, dass sie bald wieder Fuss fassen konnten. Nur Georgs Mutter konnte den Aufbau und die guten Jahre danach nicht mehr geniessen. Sie starb zwei Jahre nach der Rückkehr in Belgien. Immerhin aber hatte sie noch ihren ersten Enkel gesehen: Philipp. Philipp ist mein Vater.

Das Schicksal der Österreicher

Im Berner Oberland derweil erholte sich die österreichische Einwanderungsfamilie von ihren Strapazen. Die Mutter und Tante Marti waren ein gutes Gespann. Tante Marti freute sich, endlich Familie um sich herum zu haben. Sie selber hatte ihren Mann früh verloren, und dem Paar waren keine eigenen Kinder beschieden gewesen. Nun nahm sie die Familie ihrer bereits verstorbenen Schwester auf. Mein Grossvater Ernst besuchte im Berner Oberland die Schule und machte anschliessend eine Ausbildung als Landwirtschaftsmechaniker, später besuchte er das Technikum in Winterthur und war als Ingenieur in einer internationalen Firma ein gefragter Mann. Immer wieder zog es ihn ins Ausland. Lange liebäugelte er, in Wien sesshaft zu werden. Doch als er dann mit 32 Jahren in Bern Rosmarie kennenlernte, war klar, er würde in der Schweiz bleiben. Von nun an lebte er in Bern und arbeitete für einen Zürcher Grosskonzern. Drei Kinder wurden dem Paar geboren, und eines davon war Eveline, meine Mutter.

Das Schicksal meiner Eltern

Eveline wuchs in einer sehr strengen Familie auf, die zwar sehr begütert war, aber von den Kindern viel forderte. Eine herausragende Schulbildung, sehr gute Manieren und absoluten Gehorsam. Philipp hatte ebenso das Glück, dass die Familie sich auch nach dem Krieg bald wieder auf ihre alten Kontakte berufen konnte und rasch auch finanziell wieder auf einen grünen Zweig kam. Die Immobilienbranche florierte vor allem in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die Familie hatte ein gutes Einkommen. Cécile und Georg führten eine gute Ehe. Sie fühlte sich wohl in Belgien und für sie war klar, sie würde ihr Leben lang die Schweizer Berge nur noch auf ihren regelmässigen Heimaturlauben sehen. Und so fuhren Georg und Cécile all die Jahre regelmässig in die Schweiz, zumeist wenn Familienanlässe anstanden. Eines Tages, auf der Rückfahrt von Sion nach Belgien, auf der Höhe der Stadt Bern, kam ihr Auto ins Schlingern, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen. Cécile war sofort tot, Georg, Philipp und sein kleiner Bruder Eduard kamen schwer verletzt ins Inselspital nach Bern. Eduard verschied wenige Tage später, Georg und Philipp überlebten. Georg konnte das Krankenhaus wenige Wochen später wieder verlassen und reiste nach Belgien, um alles für die Rückkehr von Philipp vorzubereiten. Doch dieser Rücktransport verzögerte sich immer wieder. Sein Gesundheitszustand war so instabil, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing.

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Die Begegnung

Meine Mutter Eveline arbeitete zu dieser Zeit als junge studierte Sozialarbeiterin im Inselspital, es war ihre erste Stelle, ein Praktikum, wie sie immer sagte. Ihre Aufgabe war unter anderem die Formalitäten für den Rücktransport des jungen Belgiers zu erledigen. Durch diese ewigen Verschiebungen und den Änderungen der Transportmittel kam sie mit dem jungen Patienten in Kontakt, und mit der Zeit waren sich die beiden plötzlich nicht mehr so sicher, wie rasch sie den Rücktransport organisieren sollten. Es war Liebe auf den ersten Blick, erzählte mir mein Vater später, als er von der ersten Begegnung erzählte. «Sie war so schön und so liebenswert, sie erschien mir wie ein Engel.» Sein bisschen Deutsch und sein belgischer Charme liessen auch das Herz der jungen Eveline schmelzen. Kitschig schön und der Anfang von einem «Happy End». Drei Jahre später heirateten Philipp und Eveline in Bern. Zwei Kinder kamen zur Welt, ein Mädchen und ein Junge.

Wenige Jahre später, kurz vor seiner Pensionierung, entschied sich Georg, in die Nähe seiner noch verbliebenen Familie zu ziehen, und zog in unser Haus. Fast jeden Tag fuhr er mit dem Zug ans Grab seiner Frau Cécile, er genoss seine Enkelkinder. Der strenge Patriarch entwickelte sich zu einem liebenswerten, spannenden Grossvater, der uns lange Zeit begleiten durfte. Mit 92 Jahren starb er hochbetagt, aber stets im Besitze seiner geistigen Kräfte.

Heute?

Meine Schwester ist heute stolze Mutter von fünf mittlerweile erwachsenen Kindern, drei eigenen und zwei adoptierten. Führt mit ihrem Mann eine pädagogische Grossfamilie mit noch einmal sieben Kindern. Und ich? Ich bin der unruhige Pol. Habe viele Jahre in Deutschland gelebt, dann zwei Jahre in Österreich, auch Belgien kenne ich von immer wiederkehrenden mehrmonatigen Aufenthalten. Schliesslich habe ich meine Frau kennengelernt. Aufgewachsen in Le Mans, als Tochter einer Französin und eines Schweizers. Und so kam es, wie es kommen musste, nach zwei Jahren zogen wir in die Schweiz, in die Nähe von Yverdon-les-Bains, wo wir glücklich und kinderlos unser Leben, unsere Freuden und unsere Zweisamkeit genies­sen.

Epilog

Irgendwie hat es meine Familie, väterlicherseits wie mütterlicherseits, immer wieder in die Schweiz gezogen. Hier fand unsere Familie Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit bis zum heutigen Tag.

Eric

Hände weg von Jungvögeln

Ein Jungvogel hat die besten Überlebenschancen, wenn er von den Altvögeln gefüttert und betreut wird. Eine goldene Regel lautet deshalb: Lassen Sie Jungvögel dort, wo sie sind! In den seltensten Fällen sind sie wirklich verlassen.

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