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Einblicke

Mit Zuversicht in die Zukunft

Mit Zuversicht in die Zukunft

Seine Familie, sein Schicksal kann man sich nicht aussuchen. Aber man kann versuchen, sich dieses Los ein bisschen erträglicher zu machen. Wie? Mit vielen positiven Gedanken.

Klingt einfach und ist doch so schwer. Wenn man aber vor einer Situation steht, die schwer oder beinahe unlösbar erscheint, habe ich mich immer gefragt: Madeleine, was für Möglichkeiten hast du noch? Und siehe da. 1956 wurde ich geboren, zusammen mit den Eltern und meinen beiden Brüdern wohnte ich in der Ostschweiz. Bis zur zweiten Klasse besuchte ich wie jedes andere Kind auch ganz normal die Schule am Wohnort.

Was war los?

Dann musste ich einen IQ-Test machen, und anschliessend gab es eine schulärzt­liche Untersuchung. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Für den Arzt war der Fall rasch klar: «Schnell wachsen und gescheit sein, das passt nun mal nicht zusammen.» Es stimmte, ich machte in jenen Jahren einen ungeheuren Wachstumsschub durch, ebenso hatte ich Mühe mit den schulischen Anforderungen. Ich konnte die Leistung nicht erbringen, hinkte dem Stoff hinterher. Ich weiss bis heute selber nicht, was da los war.

Entweder – oder!

In jener Zeit gab es zwei Möglichkeiten: Hilfsschule, die für meine Eltern kostenpflichtig war, oder der Eintritt in ein Kinderheim. Letzteres würde von der IV getragen. Und so kam es, dass ich im März 1966 mit fast zehn Jahren auf Kosten der IV ins St.Josefsheim in Bremgarten im Kanton Aargau eingeschult wurde. Warum ich Ostschweizer Mädchen so weit weg von der Familie versetzt worden bin, hatte seinen Grund: Mein Vater stammte ursprünglich aus dem Aargauischen.

Schlimm, einfach schlimm

Dieser Schritt war für mich wie für meine Eltern sehr schmerzlich. Ich erinnere mich noch, wie ich zusammen mit meinen Eltern mit dem Zug dorthin fuhr. Nicht nur ich weinte, auch sie. Diese Trennung von meiner Familie, nur weil ich schulisch schwach war und meine Eltern wenig Geld hatten, war sehr schwer. Ich durfte nur während der Ferien nach Hause. Das war schlimm. Einmal im Monat durften meine Eltern mich besuchen. Sie kamen aber selten, es war einfach zu weit und zu teuer. Hatte ich bislang eine schöne, geborgene Kindheit, empfand ich meine nächsten Jahre einfach nur als schlimm. Ich hatte unendliches Heimweh und verstand nicht, warum ich an diesen Ort gebracht wurde.

Streng wie im Militär

Es war alles so streng, so militärisch. Bis zu meinem elften Geburtstag lebte ich in der «kleinen Gruppe». Zu unseren Ämtli gehörte das Bettenmachen, das Tischdecken und Abräumen sowie weitere Handreichungen. Arbeiten, die zu Hause meine Mutter machte. Dadurch fühlte ich mich noch einsamer und vermisste meine Eltern sehr. Ich wusste, dass sie nichts dafür konnten, dass ich hier war. Das Heim wurde von Klosterfrauen geführt, das bedeutete, dass wir uns streng an ihre religiösen Normen zu halten hatten, eine davon war der regelmässige Gang zur Kirche, jeweils mittwochs und sonntags. Alles war Pflicht, alles war streng.

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Älter, aber nicht freier

Mit dreizehn nahmen die Aufgaben zu: Mithilfe in der Küche, Mithilfe in der Wäscherei, ebenso diverse Putzdienste wie das Putzen von Schulzimmer und Turnhalle und vieles andere mehr. Weiterhin war alles sehr streng und sehr militärisch. Zur Schule marschierten wir nach wie vor in der Zweierreihe. Streng wurde darauf geachtet, dass wir Mädchen auch ja nie Kontakt zu Burschen aufnahmen. Ausgang gab es nie, und wenn, dann nur unter Aufsicht einen kurzen gemeinsamen Ausflug in die Stadt. War die Schule vorbei, waren wir doch nie für uns, zumeist wurden wir Mädchen in Gruppen wiederum unter der Aufsicht der Ordensfrauen beschäftigt und damit beaufsichtigt. Zumeist waren wir 22 Mädchen in einer Gruppe. Nie war ich alleine, dabei hatten wir gar nichts angestellt. Es war eine strenge Zeit, immer in Eile und unter Kontrolle. Manchmal flippte ich aus, weil mir alles zu eng wurde.

Weggesperrt und entsorgt

Schwierig war, dass es Mädchen gab, die andere beklauten. Schwierig war auch, dass man auch innerhalb der Mädchengruppe ständig kontrolliert wurde. Als ich einmal von meinen Eltern Geld bekam, wurde ich prompt von anderen Mädchen verpetzt und musste die paar Franken abgeben. Es war kaum zum Aushalten und ich wurde zunehmend aggressiv. Immer dieses Eingesperrtsein, immer diese strengen Kontrollen. Kaum Verständnis für die Anliegen eines pubertierenden Mädchens. Ich fühlte mich weggesperrt und entsorgt. Das Ganze war für mich eine Art Freiheitsberaubung. Noch heute habe ich mit einer Kameradin von damals Kontakt. Wir haben später als längst erwachsene Frauen oft über diese Zeit gesprochen. Dieses Erzählen war zugleich ein gemeinsames Verarbeiten. Das tat uns beiden gut. Ändern können wir ja ohnehin nichts daran, es war nun mal unsere Kindheit, damit müssen wir leben.

Anders und lächerlich

Zu Hause in der Familie fand in dieser Zeit durch die seltenen Kontakte eine Entfremdung statt. Wir Mädchen wurden nicht der Zeit gemäss gehalten, das wurde unter anderem durch unsere Kleidung ersichtlich. Ich wurde in meiner eigenen Familie, später auch bei den Verwandten meines Mannes wegen meiner Kleidung belächelt: Schwere Röcke bis über die Knie, und zudem kam ich weiterhin als Pubertierende mit gestrickten Kniesocken heim. Ich litt unsagbar und konnte daran doch nichts ändern. Zudem dachten alle, dass aus mir nichts werden würde. Ich war ein Nichts. Endlich, wiederum im Monat März, mit fast 17 Jahren, kam ich raus. Ich fuhr nach Hause zu meinen Eltern. Ich war willkommen daheim, aber ich spürte, dass ich dort nicht mehr als ganz «normal» angesehen wurde.

Jung und arbeitsam

Doch wie weiter? Ein Nachbar arbeitete in einer grossen Firma und ich bekam die Möglichkeit, dort in der Stanzerei zu arbeiten. Wohnen durfte ich weiterhin daheim bei den Eltern. Später bezog ich eine eigene Wohnung, direkt unterhalb jener meiner Eltern, im selben Mehrfamilienhaus. Meine Eltern unterstützen mich sehr, dafür war ich ihnen dankbar. Später zog ich doch aus dem Haus aus, suchte mir eine Wohnung etwas weiter weg und blieb dennoch in der Nähe meiner Eltern wohnen. Auch den Betrieb wechselte ich irgendwann, ich wollte noch etwas anderes sehen und lernen.

Meine Liebe fürs Leben

Mit 24 Jahren lernte ich am 1. August in einem Restaurant meinen Mann kennen. Ich wollte anfänglich gar keinen Kontakt mit ihm haben, er war mir mit seinen 21 Jahren einfach zu jung. Später haben wir uns wieder getroffen – und ja, da wurde dann mehr daraus. 1984, nun war ich bereits 28 Jahre alt, mieteten wir in der Region Zürich eine Wohnung. Das war eine sehr schöne Zeit. Wir hatten beide Arbeit, gingen gemeinsam in die Ferien und genossen das Leben. Dann wurde geheiratet, und 1991 kam unser Sohn und drei Jahre später unsere Tochter zur Welt. Wir freuten uns sehr und genossen die beiden gesunden Kinder. Zwischen diesen beiden Geburten aber hatten wir eine schwere Zeit. Zweimal verlor ich ein Kind. Beide Male lag ich im Spital, hoffte und bangte. Die Ärzte fragten mich, woher ich nur diese Kraft nahm. Als dann unsere Tochter, also mein viertes Kind, gesund zur Welt kam, freuten wir uns sehr.

Doch geschafft

Ich hatte immer Angst davor, ob ich überhaupt je in der Lage sein würde, Kinder aufzuziehen, nach all den Erlebnissen, diesem Trauma im Heim. Immerhin wurde ich rundherum von allen so eingestuft, dass ich ja zu nichts fähig sei. Heute bin ich stolz und dankbar, dass ich zusammen mit meinem Mann unseren Kindern eine gute, wohlbehütete Kindheit geben konnte. Ich hatte es geschafft! Auch als ich 1981 die Autoprüfung machen wollte, fanden alle, dass ich dies schulisch nie hinbekommen würde. Und siehe da, die Theorieprüfung klappte auf Anhieb, und die Fahrprüfung bestand ich beim zweiten Anlauf, so wie viele andere auch. Ich kaufte mir gleich ein Auto. Ich wollte alleine leben, arbeiten und alles aus der eigenen Tasche bezahlen – ich wusste, dass ich es schaffen würde, so wie alle anderen auch. Dennoch musste ich, weil ich im Heim gewesen war, es allen zuerst beweisen.

Einfach und bescheiden

Mein Mann arbeitete als Elektriker. Als die Kinder da waren und wir nur noch von seinem Lohn lebten, hatten wir nicht mehr so viel Geld. Wir mussten sorgsam damit umgehen. Aber irgendwie ging es immer, die Wohnung, das Auto, die Kinder und dann und wann auch mal einfache Camping­ferien. Ich war in den ersten Jahren ganz für unsere Kinder da. Als unser Sohn zur Schule kam, nahm ich eine Arbeit bei der Spitex in der Altersbetreuung an, anfänglich nur eine bis zwei Stunden pro Tag, als beide Kinder älter wurden, nahm ich zusätzlich eine Stelle als Reinigungsfrau in einer Schule an.

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Die Krankheit in unserer Familie

Ich habe das Marfan-Syndrom*. Die Diagnose erhielt ich während meiner ersten Schwangerschaft bei einer Routineuntersuchung in der Uniklinik Zürich. Man eröffnete mir, dass eine Herzoperation bevorstehen würde, ich hätte ein Loch im Herzen. Später dann wurde doch nicht operiert. Dennoch musste ich mich mit dieser Botschaft zuerst abfinden. Zum Syndrom gehören lange Finger, ein ovales Gesicht und ein elastischer Knochenbau. Alles nur halb so wild, wie ich mit den Jahren merken durfte, ich lebe ganz gut damit. Später erfuhr ich, dass unsere Kinder dasselbe Leiden haben, ebenso verbunden mit einem elastischen Knochenbau und einem Herzfehler. Der Sohn hat die Symptome etwas ausgeprägter, operiert wurden beide nicht, man kann damit zum Glück recht gut leben. Wir unterziehen uns aber alle zwei bis drei Jahre einer ärztlichen Kontrolle. Unser Sohn leidet noch an einem weiteren Gebrechen, die Ursache konnte nie herausgefunden werden. So besuchte er eine heilpädagogische Schule und arbeitet nun in einer geschützten Institution. Er ist mittlerweile erwachsen und kann alleine leben. Er fühlt sich wohl.

Wenn die Heimat abgerissen wird

Ich habe nie gelernt zu klagen, auch als sich unsere Lebenssituation verschlechterte. Wir wohnten in der Grossagglomeration Zürich in einer grossen Siedlung. Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir raus müssten aus unserer Wohnung, die ganze Siedlung würde abgerissen. Nach dem ersten Schock nahmen wir diese Botschaft als Fingerzeig des Schicksals auf. Wir nutzten die Situation im positiven Sinne. Anstatt zu hadern und sich verzweifelt dagegen zu wehren, was doch nicht zu ändern ist, verliessen wir unsere alte Heimat und nahmen die Gelegenheit wahr, in eine ländlichere Gegend zu ziehen. Im Nachhinein gesehen, war das für uns sogar ein Glückstreffer. So konnte ich meine Tochter aus einem Umfeld herausnehmen, in dem sie regelmässig geplagt wurde. Bereits aus dem Schulweg ging die Quälerei los, sie hatte viel zu ertragen.

Aus nichts viel machen

Wir fanden eine hübsche Eigentumswohnung in einer einfachen, älteren Reihenhaussiedlung. Noch einmal wollten wir uns unser Daheim nicht so ohne Weiteres wegnehmen lassen, deshalb wollten wir uns etwas Eigenes leisten. Finanziert haben wir die Anzahlung durch unsere Pensionskassengelder. Familie und Bekannte staunten, als sie erfuhren, dass wir plötzlich Eigentümer wurden. Wer hätte das erwartet? Immerhin wussten alle, dass wir nicht viel Geld zur Verfügung haben. Mein Mann verdiente monatlich 4500 Franken, und ich nahm am neuen Ort eine Hauswartstelle an. So ging es uns finanziell mit den beiden Kindern recht gut.

Unvorhergesehenes bringt Not

Wenn man zwar über dem Existenzminimum lebt und trotzdem knapp durchs Leben muss, dann können es Kleinigkeiten sein, die das Haushaltsbudget aus dem Rhythmus bringen können. Bei uns war es meine Hüftoperation. Zum Glück lief die Operation selbst reibungslos, leider aber fehlte für den anschliessenden zweiwöchigen Kuraufenthalt einfach das Geld.

Wir bezogen nie Sozialhilfe. Mit 4500 Franken Einkommen fällt unsere Familie nicht in die Kategorie. Bei uns aber führte Unvorhergesehenes zu Engpässen, die manchmal kaum mehr zu überbrücken waren. Doch auch in solchen Situationen gab es Hilfe. Man muss einfach die Augen offen halten. So war es mit meiner Operation. Ich war einfach nicht in der Lage, gleich nach der Operation wieder nach Hause zu gehen. So sehr ich mir dies auch wünschte. Verschiedene Stiftungen, unter anderem auch die Organisation «Ostschweizer helfen Ostschweizer», spendeten einen Beitrag, und so klappte meine Kur dann doch noch. Ich freute mich sehr und es hat geholfen, wieder zu Kräften zu kommen, körperlich wie seelisch.

Blick in den Alltag

Weiterhin blieb Schmalhans bei uns zu Gast. Für die Arbeit benötigte mein Mann ein Auto, diesen Luxus leisteten wir uns. Doch Jacken und Schuhe kauften wir uns nie, meine Schwägerin half zum Glück häufig aus. Gab Kleider weiter, die von ihnen nicht mehr getragen wurden, wir haben von ihnen auch Möbel erhalten. Von der Verwandtschaft meines Mannes wurden wir so gut wie möglich unterstützt. An mir aber nagten immer wieder Gewissensbisse, weil ich selber zu wenig zum Bedarf der Familie beitragen konnte.

Wenn die Kraft nachlässt

Seit einigen Jahren geht es meinem Mann gesundheitlich sehr schlecht. Er hatte einen Tumor und musste sich deswegen eine Lunge entfernen lassen. Daraufhin konnte er einige Jahre lang zumindest noch fünfzig Prozent arbeiten gehen. Das ist leider heute auch vorbei. Er kann diese körperliche Arbeit nicht mehr bewältigen, und heute leben wir von seiner IV. Auch ich arbeite nicht mehr. Die Reinigungsstelle wurde mir gekündigt, und ich ging frühzeitig in Pension. Unsere Kinder sind mittlerweile ausgeflogen, sind selbstständig, dies entlastet unser Budget etwas. Sie kommen uns aber häufig besuchen oder essen bei uns. Das freut mich sehr.

Wenn ich noch einmal

mein Leben von vorne beginnen dürfte, würde ich vieles wieder gleich machen: Mein Mann und ich haben es gut zusammen. Heute wohnen wir in einem Chalet mit Garten, Hund und Katze und werden die Frühpensionierung geniessen können, falls nicht noch einmal etwas dazwischenkommt.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

*Das Marfan-Syndrom ist eine genetische Erkrankung verbunden mit erhöhter Elastizität oder Laxizität des Bindegewebes. Es kann vererbt werden.

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