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Einblicke

Rampenlicht für  die Kinder im Schatten

Rampenlicht für die Kinder im Schatten

Nur zwei Flugstunden von der Schweiz entfernt leben Roma-Kinder in prekären Verhältnissen. Als Minderheit im Kosovo werden sie diskriminiert. Die Winterthurer Journalistin Tanja Polli holt die Mädchen und Buben vom Rand der Gesellschaft mitten in die Manege.

Tanja Polli braucht Geld. Nicht für sich. Für junge Menschen im zweitärmsten Land von Europa, im ärmsten Land auf dem Balkan, im Kosovo. Dort, wo Konflikte zwischen Serben und Kosovo-Albanern wieder heftiger brodeln. Die Brücke der zweigeteilten Stadt Mitrovica gleicht einem Pulverfass – sie verbindet den von Serben besetzten Norden mit dem Süden. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen. Der Frieden scheint weiter entfernt als in den Jahren nach dem Krieg.

Das bekommt auch die grösste Minderheit im Land zu spüren, die Roma. Auf dem Papier steht ihnen zwar das Recht auf Bildung, Gesundheit, Wohnen und Arbeit zu, doch die Realität sieht anders aus. Tanja Polli hat diese Realität mit eigenen Augen gesehen – in Roma-Siedlungen im ganzen Land, darunter jene am Rand von Gracanica, einer serbischen Enklave in der Nähe der Hauptstadt Pristina.

Jetzt bringt sie die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Bilder von Kindern, die kaum satt werden. Die nicht mit den anderen aus dem Ort die Schulbank drücken dürfen, sondern in einem separaten Raum sitzen müssen. Falls die Schule denn überhaupt stattfindet. Und die mit ihren Familien auf engstem Raum zusammenleben, ohne Heizung, ohne ärztliche Betreuung, von Freizeitangeboten ganz zu schweigen. Ein Besuch in der Badi bei Temperaturen von gut und gerne 40 Grad im Sommer ist unerschwinglich. Und die Abgase des nahen Kohlenkraftwerks gehen direkt in die Luft – ungefiltert.

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Unbeschwert Kind sein

«Das ist Diskriminierung!», sagt Tanja Polli in einem Winterthurer Café und stellt ihre Tasse auf den Tisch. Sie will jetzt ihren Teil beitragen, dass die Benachteiligten im Land ins Scheinwerferlicht kommen, ihre Talente beim Jonglieren, Balancieren, Turnen, Singen entdecken dürfen und vor allem «einfach einmal unbeschwert Kind sein dürfen». Dafür spannt die Mutter zweier erwachsener Söhne mit dem Schweizer Kinderzirkus Lollypop zusammen. Im August wird in Gracanica ein gros­ses Zirkuszelt auf dem Feld stehen, bereit für die künftigen Artistinnen, Clowns, Seiltänzer und Kunstturnerinnen. Junge Freiwillige aus dem serbischen und albanischen Teil des Kosovos und aus der Schweiz werden die Profi-Zirkusleute unterstützen und die Kinderkurse leiten. Für Tanja Polli ein zentraler Aspekt: «Der Zirkus bringt drei Ethnien zusammen – es ist ein Friedensprojekt. Wenn Roma-Kinder mit albanischen und serbischen Leiterinnen und Leitern Spass haben und tolle Dinge erleben, weicht dies das Feindbild auf», ist sie überzeugt. Die Vision der Journalistin ist von rosa Zuckerwatte weit entfernt, sie spricht aus eigener Erfahrung. Denn der Kosovo und Tanja Polli, das ist eine Liebesgeschichte, seit 12 Jahren schon.

Begonnen hat sie im Jahr 2007, als der Krieg vorbei ist und die Unabhängigkeit des Kosovos kurz bevorsteht. An einem Sommertag steigt die Winterthurerin zusammen mit der Fotografin Ursula Markus in den Flieger Richtung Pristina. Sie wird für das Schweizer Magazin «Wir Eltern» eine Reportage schreiben über die «Youth Action for Kosovo», kurz YAK – ein Freizeitprogramm für Kinder, gestaltet von Sozialarbeitenden und Jugendlichen, zum grossen Teil finanziert von einem Schweizer Sponsor. Mit Notizheft und Kugelschreiber betritt sie in Vushtrri ein Schulhaus fast ohne Infrastruktur, es gibt einige Pulte, einige Stühle, alte Wandtafeln, sonst nichts. In jedem Raum drängen sich Trauben von Drei- bis Sechzehnjährigen um eine Leiterin, einen Leiter.

Wie ausgetrocknete Schwämme

Ob Englisch oder Theater, ob Liedprobe oder Zeichnen, die Mädchen und Buben sind mit einer Aufmerksamkeit und Leidenschaft dabei, wie es die Reporterin noch nie zuvor erlebt hatte. «Sie kamen mir vor wie ausgetrocknete Schwämme, saugten jede noch so kleine Anregung dankbar auf. Ein Lied mit Gitarren- und Trommelbegleitung, einheimische Volkstänze, ein paar Wörtchen in einer unbekannten Sprache – alles weckte ihr Interesse. Das hat mich tief berührt.» Damals waren die Spuren des Krieges sichtbarer als heute, viele der Mädchen und Buben deutlich unterernährt, überall standen Ruinen, zerstörte Hausteile. «Und trotzdem waren die Menschen unglaublich herzlich, hilfsbereit und gastfreundlich.»

Das Freizeitprogramm war mehr als rudimentär aus Schweizer Sicht. «Ich dachte an das Angebot bei uns und an übersättigte Kinder, die gelangweilt fragen: Ist das alles? – Es war wie Tag und Nacht.» Polli kehrte zurück, schrieb die Reportage, doch ihre Gedanken blieben im Kosovo. Sie hielt Kontakt, reiste für eine Hochzeitsreportage wieder hin, und als sie hörte, dass der Schweizer Sponsor von seinem Engagement für die Jugendarbeit zurücktrat, wusste sie zwei Dinge: Erstens, diese Kinder und Jugendlichen brauchten ihre Unterstützung. Zweitens, sie als Privatperson würde nicht allein ein solches Jahresprogramm weiterführen können. Also gründete sie in Winterthur den Verein «Sommerschule Kosovo», suchte Mitglieder, Gönnerinnen und Spender, sammelte via Crowdfunding Geld für ein mehrwöchiges Sommerprogramm – eine abgespeckte Form des vorherigen YAK-Angebots, aber immer noch ein Angebot.

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Erinnerung an lustige Momente

Seit 2013 trieb sie Jahr für Jahr die Mittel zusammen, reiste mit Hilfsgütern in das kleine Land auf dem Balkan. Die Freiwilligen, die schon bei ihrem ersten Besuch mit den Kindern spielten, malten und sangen, blieben dem Projekt treu – heute wirken sie als junge Erwachsene mit, bringen ihr Wissen aus Ausbildung und Studium ein. Gleichzeitig waren und sind Schweizer Jugendliche mit dabei, letztes Jahr auch der jüngere Sohn von Tanja Polli: «Das hat seinen Blick verändert. Wer je die Kinder dort erlebt hat, sieht das eigene Leben danach anders», sagt sie. Die Sommerschule in Vushtrri geht nun ins siebte Jahr, jene für die Roma ins zweite, der Zirkus hingegen ist eine Premiere. «Wir hätten auch kochen können und dann Essen verteilen. Vielleicht wäre das nötiger. Aber ich glaube, dass diese Kinder auch Seelennahrung brauchen. Wenn sie später an ihre Kindheit denken und sich neben all dem Schwierigen an lustige Momente im Zirkus erinnern, ist das viel wert.»

Noch ist die Finanzierung nicht zu 100 Prozent gesichert, aber Tanja Polli bleibt optimistisch. Sie kann auf Menschen zählen, die ihre Kosovo-Projekte seit Jahren unterstützen. Dass Ende August das Zirkuszelt aufgebaut wird, daran zweifelt sie keine Sekunde. Und schon jetzt freut sie sich auf jenen Moment, wenn die Kinder aus der Roma-Siedlung im Rampenlicht stehen – und den ersten Applaus ihres Lebens geniessen.

Mehr Informationen: www.sommerschule-kosovo.ch

Franziska Hidber

 

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