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Einblicke

Vom Regen in die Traufe

Vom Regen in die Traufe

Manchmal lernt man aus Fehlern, ich aber war dazu verdammt, meinen grössten Fehler im Alter noch einmal zu begehen.

Als ich jung war, war Kino eine grosse Leidenschaft von mir. Und nicht nur von mir, auch meine Freunde sparten sich jeden Monat das Geld für die Eintritte zusammen. Einmal, manchmal auch zweimal pro Monat trafen wir uns und fuhren gemeinsam mit dem Bus in die Stadt ins «Rex». Je nachdem, was gerade für Filme gezeigt wurden. Und es wurden immer wieder Filme gezeigt, die uns gefielen. Noch waren wir sehr bescheiden in unseren Ansprüchen, Peter Alexander, Kurt Früh, Conny Froboess waren unsere Stars, genauso wie Gregory Peck, Audrey Hepburn oder Charles Bronson. Es gab Filme, die schauten wir uns mehrfach an. Nur wenige hatten daheim einen Fernseher stehen, und einen Videorekorder gab es noch nicht. Zudem war auch das Feeling ein ganz besonderes. Wir sassen in diesen roten Plüschsofas, leisteten uns im Anschluss Popcorn und Cola. Die Welt gehörte uns. Es war eine wundervolle Zeit, und genau in dieser Zeit lernte ich Heinz kennen und lieben.

Junges Glück

Wir heirateten ein Jahr später. Suchten uns gemeinsam eine kleine Wohnung, und bald schon freuten wir uns auf unser erstes Kind.Daniel machte unser Glück perfekt. Noch ein Jahr später kam Christine zur Welt und zwei Jahre später Andrea. Meine Arbeit gab ich der Familie zuliebe auf. Ich hätte mit drei Kindern auch keine Möglichkeit gesehen, weiterhin zur Arbeit zu können. Spielgruppen, Kinderhorte, Mittagstische gab es dannzumal noch nicht.

Sparhans war Gast

Unser grösstes Vergnügen waren die Sonntagsspaziergänge und mit der Zeit, als die Kinder grösser wurden, die Picknicks im Wald. Das Geld war knapp, wir konnten uns wenig leisten. Heinz war oft lange in den Abend hinein am Arbeiten, manchmal auch an den Wochenenden. Dank dieser Überstunden kamen wir über die Runden.

Abends kochte ich vor, damit er ein richtiges Essen mitnehmen konnte: Wurst, Kartoffelstock und etwas Salat. Fleisch war für ihn ein Zeichen von Luxus, das er sehr schätzte. So legte ich ihm zumeist ein feines Stück Fleisch bei, das er sich in der Kantine erwärmen konnte, etwas Südfleisch, Geschnetzeltes oder eben eine Wurst.Daheim kochte ich für mich und die Kinder zumeist ohne Fleisch. Es gab Milchreis, Wähen oder Aufläufe.

Schöne heile Welt

Mit der Zeit erholten sich unsere Finanzen, vor allem als Heinz Abteilungsleiter wurde. Da waren die Kinder bereits 9, 8 und 6 Jahre alt. Nun kam die Zeit, in der wir uns immer wieder mal etwas leisten konnten. Campingferien im Tessin, einen Fernseher für die Stube und vor allem eine grössere Wohnung.

An den Wochenenden war Heinz nun vermehrt daheim. Manchmal nahm er Daniel mit zum Fussballplatz, um sich ein Spiel anzuschauen, doch die Wochenenden waren nun vermehrt auch geprägt durch die Fernsehabende. Manchmal noch gab es einen Sonntagsspaziergang, doch zumeist blieben die Kinder im Quartier, spielten mit den Nachbarskindern, und manchmal hatten wir Besuche oder wir statteten Besuche ab. Mal fuhren wir zu unseren Eltern, besuchten die Geschwister, die mittlerweile alle auch verheiratet waren, oder ich genoss ein paar Minuten auf «Balkonien».

Sein zweites Leben

Mit der Zeit aber spürte ich, dass Heinz mit sich und seinem Leben nicht mehr zufrieden war. Er maulte immer mehr: am Tisch, wenn wir unterwegs waren. Die Zeitung war ihm wichtiger als die Hausaufgaben seiner Kinder. Er leistete sich nun immer mehr den Stammtisch und kam vor allem am Freitagabend sehr spät heim. Auch an den Wochenenden sass er vor dem Fernseher, sobald gesendet wurde. Wenn er sich mit andern am Fussballplatz traf, war Daniel längst nicht mehr dabei. Dann ging er allein. Erst viel zu spät spürte ich, dass sich Heinz neben unserer Familie ein zweites Leben leistete.

Zwiespalt der Gefühle

Ich nahm vieles hin, weil ich es halt einfach als gegeben anschaute. Ich wollte ihm mehr Freiheit lassen. Er hat mir ja auch leid getan, als er in jungen Jahren so viele Überstunden leisten musste und manchmal so erschöpft ins Bett sank und am Morgen kaum mehr aus den Federn kam. Es war eine strenge Zeit, und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn nicht mehr unterstützen konnte. Ich versuchte mein Bestes, aber hatte irgendwie immer das Gefühl, nicht genügen zu können. Lagen die Kinder im Bett und war der Haushalt gemacht, dann setzte ich mich stets noch hinter die Nähmaschine, nähte Hosen und Kleider oder strickte noch bis weit in die Nacht Socken und Pullover. So konnte ich das Familienbudget etwas entlasten.

Wie Schuppen von den Augen

Irgendwann aber gestand ich mir ein, dass ich mir eine Ehe anders vorgestellt hatte. Ich war daheim, er unterwegs. Klar machte ich ihm hie und da mal Vorhalte, bat ihn, mehr daheim zu sein oder die Kinder mehr in sein Leben zu integrieren. Doch es half nichts. Heinz sonderte sich weiterhin ab und war viel unterwegs. Es war schliesslich meine beste Freundin, die mich zur Seite nahm und mir erzählte, dass Heinz eine Freundin habe. Mittlerweile wüssten es alle rundherum und wahrscheinlich sogar die Kinder. Ich war enorm enttäuscht. Alles habe ich hingenommen. Dies jedoch nicht mehr. Ich zog aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus. Legte er sich zu Bett, übernachtete ich in der Stube. Nie mehr würde ich mit ihm unter einer Decke schlafen wollen. Eine Scheidung kam dannzumal nicht infrage. Heinz liess sich auf keine Diskussionen ein. Er war nicht bereit, seinen Lebensstil zu ändern. Wich mir aus. Oft drehte er mir wortlos den Rücken zu oder verliess die Wohnung, wenn ich mit ihm reden wollte.

Auf und davon

Als Daniel in der Ausbildung war, zog Heinz ganz aus. Verliess eines Tages die Wohnung mit dem Koffer, er gehe auf Dienstreise, um dann nie mehr wiederzukommen. Einen Teil seiner Kleider liess er einfach da. Er nahm kaum was mit. Alles von ihm blieb da, ganz so, als würde er irgendwann wiederkommen. Ich wusste kaum, wie damit umgehen. Irgendwann verbannte ich seine Kleider aus dem Schrank. Doch auch dazu brauchte ich drei Jahre Zeit. Am liebsten hätte ich das Schlafzimmer rausgeschmissen und mich neu eingerichtet.

Anfänglich nahmen die Kinder Vaters Wegzug nicht wahr, so sehr waren sie mit ihrem eigenen Leben beschäftigt und so sehr war ihr Vater zu einer Randfigur in ihrem Leben geworden. Es war Christine, die nach drei Wochen fragte, wann denn die Dienstreise von Papi enden würde. Ich wusste kaum, was ich dazu sagen sollte. Ich wusste ja dannzumal selber nicht, ob er je wieder vor der Türe stehen würde.

Nichts war geregelt

Zwischen Heinz und mir wurde nichts geregelt. Weiterhin zahlte er einen Teil seines Lohns auf unser Konto ein, sodass ich die Wohnung bezahlen konnte. Auch das Haus­haltsgeld für drei Personen zahlte er noch ein. Steuern und Krankenkasse übernahm er ebenso. Trotzdem war ich wieder gezwungen, jeden Rappen umzudrehen. Wieder stand ich vor den Regalen der Geschäfte und rechnete. Würde ich für Andrea neue Turnschuhe kaufen können, oder würde es dann bis Ende des Monats nicht mehr für das Essen reichen?

Diese Jahre waren die härtesten. Ich spürte an den Blicken der Nachbarschaft, dass alle es wussten. Nie hatte mich jemand gefragt, wo er sei. Aber es hatte mich auch nie jemand gefragt, wie es mir ging. Und irgendwie war ich auch dankbar dafür, ich hätte nicht gewusst, was ich dazu hätte sagen sollen. Ich war so enttäuscht und fühlte mich alleine. Ich war so wütend und traurig und gestand es mir doch nicht ein.

Neue Ufer entdecken

Die Kinder wurden erwachsen und zogen aus. Mein erster Schritt in meine neue Freiheit war, als ich die Wohnung auflöste und zusammen mit Andrea den Wohnsitz wechselte. Plötzlich begann ich wieder zu leben. Die Zeit wieder zu geniessen, und ich nahm in einem Altenheim eine Stelle an, zuerst als freiwillige Helferin, bald aber bekam ich ein Angebot als Cafeteria-Mitarbeiterin und sagte zu. Und hier lernte ich Manfred kennen.

Er arbeitete als Koch in dieser Institution, hatte seine Frau früh verloren und lebte alleine in einer kleinen Wohnung ganz in der Nähe. Unsere Freundschaft war geprägt von einer tiefen Wertschätzung und gegenseitiger Achtung. Ich spürte so etwas wie den Himmel auf Erden. Ich war glücklich. Manfred und ich zogen nach einem halben Jahr zusammen. Wir suchten uns eine schöne Wohnung aus, kauften neue Möbel und richteten uns auf ein Leben zu zweit ein. «Warum warten, wenn für uns beide doch alles klar ist», fand er lachend. «Wir sind nicht mehr zwanzig, sondern gehen beide auf die sechzig zu.»

Himmel auf Erden

Auch meine Kinder unterstützten diesen Schritt. Sie fanden es toll, dass ich so aufgeblüht sei, aktiv sei und wieder viel jünger aussehe. Manfred und ich genossen diese Zeit sehr. Als er pensioniert wurde, reduzierte auch ich mein Arbeitspensum. Wir hatten so viel vor. Er lernte Englisch, gemeinsam liessen wir uns in die Geheimnisse des Tennisspielens einweihen und besuchten Kurse. Dann wieder waren wir unterwegs. Mit dem Auto oder dem Zug besuchten wir Schweizer Städte. Nach einem ausführlichen Rundgang genossen wir jeweils eine einheimische Spezialität. Das machte uns grossen Spass. Regnete es, fuhren wir trotzdem los. Wir liessen uns durch solche Kleinigkeiten nicht beirren. Für uns schien immer die Sonne.

Und Tschüss

Nach acht Jahren unseres Zusammenseins wurde bei Manfred die Diagnose Bauchspeichelkrebs gestellt. Von da an ging alles sehr schnell. Chemotherapie, Angst, viel Zeit, die Manfred zum Schlafen brauchte. Er war so erschöpft, und jede Bewegung wurde für ihn zu einer wahnsinnigen körperlichen Anstrengung. Unsere letzten Wochen und Tage waren die des Abschiednehmens, der unendlichen Trauer. Manfred starb vier Monate nach der Diagnose.

Leere, grosse Leere begegnete mir. Diese unendliche Trauer, einen Menschen zu verlieren, dem man doch eben erst begegnet war, den man als Seelenverwandten wahrgenommen hatte und mit dem man noch viele, viele Jahre zusammen sein wollte. Dieser Abschied war so ganz anders als jener von Heinz. Es war, wie wenn es in mir drin etwas zerrissen hätte. Die einzige wirkliche Freude war, als sieben Monate später mein erstes Enkelkind geboren wurde. Laura gab mir so viel Wärme und Freude zurück. Schade nur, dass Christine und ihr Mann so weit weg wohnten.

Eine neue Freundschaft

Ich erhöhte mein Arbeitspensum im Altenheim. Sie waren froh, dass ich mich über mein Pensionsalter hinaus noch weiterhin im Heim engagierte. Mir war diese Arbeit Trost und Aufgabe zugleich.

Als ich 74 Jahre alt wurde, lernte ich Erich kennen. Er hatte sich im Altenheim eine Seniorenwohnung gemietet. Seine Frau war gestorben, und er übergab das Haus seinem Sohn. Nun lebte er hier in dieser Einzimmerwohnung, aber sie war ihm zu klein. Also zog es ihn weg. Mit dem GA besuchte er seine Kinder, und er war ein begeisterter Wanderer. Wann immer die Sonne schien, zog er los. Irgendwann lud er mich dazu ein. Ich war lange im Zweifel, ob ich diese Einladungen annehmen sollte. Irgendwie war er ja «mein Klient». Ich wollte auch keine neue Beziehung mehr eingehen. Manfred war nicht mehr zu ersetzen. Dann aber ging ich mit und war begeistert. Es war ein wunderschöner Tag. Er suchte für unsere erste Wanderung das Rütli aus. Auf der Wiese packte er Brot, Cervelat, gekochte Eier und Tee aus. Es war wie früher auf unserer Schulreise. Von da an zogen wir regelmässig los. Diese Wanderungen taten mir gut, für die Seele wie für meinen Körper. Ich nahm elf Kilo ab und fühlte, wie das Leben langsam, aber sicher wieder Ein­zug hielt. Zweimal im Monat machten wir aus. Das war perfekt. Ich lebte mein Leben und hatte doch immer ein Ziel. Erich bat nie darum, mich mal besuchen zu dürfen. Er lud mich auch nie zu sich ein. Er behielt seine liebenswerte Distanz, und doch spürte ich, wie sehr auch ich ihm gut tat.

Vom Regen in die Traufe

Dann stand er eines Tages vor meiner Haustüre: Heinz. Nach 28 Jahren zeigte er sich wieder bei mir. Wir hatten uns einmal bei der Beerdigung seiner Mutter gesehen, das war vor 17 Jahren, und waren uns da aus dem Weg gegangen. Mein erster Fehler: Ich liess ihn rein. Mein zweiter Fehler: Ich hörte ihm zu. Mein dritter Fehler: Ich glaubte an das Gute und dass man auch im Alter aus seinen eigenen Fehlern lernen kann. Ich liess ihn regelmässig bei mir essen. Dann zog er ins Gästezimmer ein. Ich glaubte, die Kinder würden sich freuen, dass ihre Eltern wieder zusammen waren. Doch das Gegenteil war der Fall. Sie wendeten sich enttäuscht ab. Sie sollten Recht haben. Heinz begann sich in der Wohnung auszubreiten, und ich war wieder mit Einkaufen, Kochen und Putzen beschäftigt. Als er fand, dass diese Wanderungen mit Erich ein Ende haben müssen, begann ich mich zu wehren. Und seither leben wir zusammen im Streit. Es ist wieder wie früher. Er bestimmt, ich gehorche. Wie aus einem Reflex heraus funktioniere ich wieder wie als junge Frau, stets darauf bedacht, es allen beziehungsweise ihm recht zu machen. Ich glaubte, richtig gehandelt zu haben, und merke nun als alte Frau von 84 Jahren, dass ich dieses eine Mal klar und deutlich hätte Nein sagen sollen. Heute leben wir wieder so wie damals, schweigend nebeneinander. Die Wanderungen mit Erich habe ich eingestellt. Zum einen will sich Erich nicht mehr in die Berge wagen, zum anderen scheint er meine Zerrissenheit und meinen Kampf gespürt zu haben. Mein Mann und ich leben wieder unter demselben Dach – und was ich nie für möglich gehalten hätte, wie dannzumal in jungen Jahren: Er befiehlt. Ich gehorche.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

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