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Wenn der Koffer zum Einchecken rollt…

Wenn der Koffer zum Einchecken rollt…

Mein Name ist Sandra, ich bin 53 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, weiterhin verheiratet mit dem Vater meiner Kinder, was ich persönlich als Leistung anschaue. Ich bin zu 80 Prozent berufstätig und bilde kaufmännische Lehrlinge aus. Mit dem Auszug unserer Kinder haben mein Mann und ich das Haus in Miete verlassen und haben uns eine Eigentumswohnung im Zentrum einer Kleinstadt gekauft.

Eine Vorsorge fürs Alter, haben wir uns gesagt. Damit die Wege nicht mehr so lang sind, der Lift schon im Haus ist und das Auto auch mal in der Garage stehen bleiben kann. Weil alles existenziell Wichtige in wenigen Gehminuten erreichbar ist: der Bäcker, der Coiffeur und der Arzt. Was will ich noch mehr?

Damals 

Seit die Kinder erwachsen sind, dürfen wir auch finanziell grössere Sprünge machen und leisten uns dann und wann eine Reise, irgendwohin, wo wir noch nie waren. Wir leisten uns kleine exquisite Reisen, von denen wir als Junge nie auch nur zu träumen gewagt hätten. Damals, mit zwanzig, reisten mein Mann Bruno und ich, mit Daumen hoch, dem Interrailticket im Rucksack, Richtung Süden.

Heute

Der Unterschied zu damals ist: Wir hatten noch so viel vor und waren voller Träume. Und heute? Manchmal ertappe ich mich dabei, wenn ich meinen Koffer zum Einchecken rolle, beim Gedanken: War es das? Ist es wirklich das, was ich wollte? Muss ich jetzt nach Thailand fahren, um mich massieren zu lassen, fein zu essen und so das Lebensglück zu finden? Wenn ich dann die Rechnungen Ende Monat anschaue, befällt mich manchmal in der Bauchgegend so ein leises Ziehen: so viel Geld für so eine kurze Zeit Entspannung.

Wie egoistisch!

Leiste dir etwas, hat mir mein Sohn neulich gesagt und die Tochter fand: Genau, lebt euer Leben! Ich kenne diese Sätze, sie blitzen mir etwa im Wartezimmer meines Zahnarztes x-fach entgegen, wenn ich die Illustrierten aufschlage. Die grossen farbigen Bilder von Strand und Palmen, von reich gedeckten Tischen und schönen Menschen… Dann aber gehe ich durch die Strassen von Ko Samui und betrachte mir die Menschen, die mir entgegenkommen, diese zarten feingliedrigen Leute mit ihren dunklen, schönen Augen und stelle mir deren Leben vor, und schon möchte ich mich aus Scham wieder nach Hause beamen lassen. Ich fühle mich dann so dekadent und falsch. Ich reise auf Kosten anderer, um nach meinem eigenen Lebensglück zu suchen. Wie egoistisch!

«Ok, Schatz…»

Vorletztes Jahr habe ich zu Bruno gesagt: Lasst uns hierbleiben. Wir fahren nicht weg. Wir geniessen die freie Zeit daheim. Bruno stutzte zuerst, sagte nicht viel, fand dann aber drei Wochen später: «Ok, Schatz, du hast recht. Wir bleiben daheim», und legte den Prospekt über Kreta zur Seite. «Ich wollte ohnehin einmal auf die Bettmeralp wandern.»

Probelauf «Ferien daheim»

Ausschlafen, gemütlich frühstücken, einen Spaziergang durch unser Städtchen machen, genüsslich auf dem Markt einkaufen und dann und wann auch mal eine Zugfahrt unternehmen oder Freunde besuchen, schwebte mir vor. Bruno schaute mich lange an. Er würde dann aber doch gerne mal mit Sandro auf dem Rad unterwegs sein. Felix würde mit auf die Bettmeralp-Tour kommen und sein Bruder Daniel werde wahrscheinlich auch dabei sein. Plötzlich merkte ich, dass wir planten, aber an uns vorbei planten. Bruno war da, ich war dort. Lass es auf dich zukommen, fand Gisela, meine beste Freundin. Es wird schon gut werden, ihr seid ein eingespieltes Team. Auch eine Auszeit voneinander kann gut tun.

Ein Versuch

Und so kam es, dass Bruno am Morgen um sechs Uhr in seinen Wanderschuhen und mit einem vollen Rucksack zum Bahnhof stiefelte, während ich leicht grummelig im Bett liegen blieb. Natürlich hatte Bruno mich zu dieser frühen Stunde mit Getöse geweckt und natürlich hatte auch meine innere Uhr reagiert: Aufstehen, Sandra, es ist Zeit! So sass ich nun am Frühstückstisch, stilvoll mit Kaffee, Orangensaft und frischen Brötchen und versuchte die Zeitung zu lesen. Wie blöd ich mir vorkam. Also packte ich die Tasche und ging auf den Markt. Doch was sollte ich einkaufen? Bruno war zwei Tage unterwegs. Das frische Gemüse würde bei seiner Rückkehr nicht mehr ganz so frisch sein. Zudem war der Kühlschrank voll. Ich kehrte an diesem Tag zurück mit einer neuen Bluse, die ich nicht brauchte und einem Nagellack, den ich schon lange haben wollte, dessen Farbe mir aber am Tageslicht nicht mehr so schmeichelhaft vorkam.

Also weg damit!

Fitness-Club? Freundinnen besuchen? Gegen das Erste sträubte sich mein Bauch, gegen das Zweite die Uhrzeit: Alle waren am Arbeiten. Und so begann am ersten Tag ohne Bruno meine Langeweile. Super, dachte ich. Guter Start. Ich sass in der Stube und trank meinen Tee, als eine Spinnwebe, die im hellen Licht sanft schimmerte, mich an meine häuslichen Pflichten erinnerte: Na, dann mal los. Während Bruno in Brig aus dem Zug stieg, öffnete ich den Putzschrank und holte den Staubsauger hervor. Nur niemandem davon etwas sagen. Ich putzte die Stube, schleppte den Teppich auf die Terrasse und begann das Zimmer zu saugen. Die Vorhänge müssen gewaschen werden, fand ich und beförderte sie in die Maschine. Wie hell und freundlich die Stube plötzlich wirkte. Müssen die Vorhänge wirklich wieder rauf? Damals, vor 27 Jahren, als Carmen auf die Welt kam, hatten wir sie gekauft. Noch heute gefallen sie mir, zeitlos elegant, in leichtem Beige gehalten. Doch Carmen liegt längst nicht mehr im Stubenwagen und muss auch nicht mehr vor dem gleissenden Sonnenlicht geschützt werden. Sie ist heute selber Mama einer einjährigen Tochter. Also weg damit.

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Sandra, was soll das?!

Und wie war das mit dem Couchtisch? Brunos Vater hatte ihn uns gegeben, damals, als er das Haus räumte: eine Antiquität! Ich fand den Tisch kultig. Moderne Möbel gepaart mit einem antiken Salontisch und antiken Beistelltischen, das war cool. Aber heute? Bruno hatte sich neulich die Zehe daran blutig geschlagen und über den alten Kram geschimpft. Und so kam, was kommen musste: Als Bruno erschöpft und müde zwei Tage später von seinem Wanderausflug zurückkam, fand er sich in einer neuen Stube wieder. Es war nicht viel, doch die farbliche Verände- rung haute ihn buchstäblich aus den Socken. Anstelle «Hoi, Schatz, ich bin wieder daheim», hörte ich ihn ein lautes: «Sandra, was soll das?» rufen.

Schwielen und Erinnerungen

Es gab ein paar schwierige Ferientage und ich entschloss mich nun meinerseits, wegzufahren, diesmal zu einer Freundin in den Schwarzwald. Komm nur, lachte sie freundlich am Telefon. Wir sind soeben am Einfahren der Ernte, kannst uns gerne zur Hand gehen. Und so kam es, dass ich anstelle von Badeferien in Kreta Heu in Endingen einfuhr. Bald hatte ich Schwielen wie damals als Kind, wenn der Vater uns fünf Bauernkinder aufs Feld schickte.

So war’s früher

Aufgewachsen bin ich sehr einfach und ich danke es meiner Mutter, dass sie so insistierte, dass auch wir drei Mädchen eine gute Ausbil- dung machen durften. Vater hatte da andere Vorstellungen. Seine beiden Söhne liess er ausbilden, die Töchter würden sowieso heiraten. Man stelle sich das mal vor! Und so wurde Brigitte Krankenschwester, Angela ging zur Post und ich wurde Kaufmännische Angestellte. Bruno lernte ich an meiner ersten Arbeitsstelle nach der Ausbildung kennen. Er fiel mir sofort auf, sein liebevolles Wesen, sein feiner Humor und vor allem – er war und ist es heute noch – auch ein schöner Mann.

Andere Umstände

Gemeinsam machten wir uns immer wieder auf den Weg. Mal bereisten wir Italien, dann wieder Frankreich. Wir lernten noch vor dem Balkankrieg Jugoslawien kennen und verliebten uns in Griechenland. Hier würden wir, wenn wir mal alt sind, ein kleines Häuschen kaufen und hinziehen, nahmen wir uns fest vor. Doch noch bevor ich wieder zu Hause war, ahnte ich, dass etwas anderes auf uns zukommen würde: Ich war schwanger!

Unser Daheim

Wir freuten uns sehr und entschlossen uns nun, gemeinsam eine grosse Wohnung zu nehmen und zu heiraten. Bis dahin lebte ich zusammen mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft und Bruno war noch zu Hause. Uns war vor allem wichtig, dass wir Geld für unsere Reisen hatten. Carmen kam zur Welt und später dann Thomas. Mit grosser Liebe richteten wir uns ein. Uns war es ein Anliegen, dass unser Zuhause von Anfang an schmuck sein sollte. Wir liebten das gepflegte Zuhause, und je älter wir wurden, desto mehr war uns unser Daheim wichtig. Als die Kinder drei und fünf Jahre alt waren, zogen wir in ein grosses schönes Einfamilienhaus. Dieses Haus wurde zu unserem Daheim. Bruno und ich verliessen es erst wieder, als die Kinder ausgezogen waren und klar wurde, dass sie uns nicht mehr brauchten. Beide sind heute verheiratet und Carmen ist heute selber Mama.

Start in ein neues Leben

Was immer ins Haus kam, war eine gemeinsame Entscheidung. Bruno mochte es, wenn er gefragt wurde. Meist überliess er mir die Wahl ohnehin, aber er wollte sie hören oder dabei sein. Das neue Wohnzimmer, die neuen Farben, dass ich alles umgestellt hatte, haute ihn buchstäblich um. Das war nicht seine Sandra und vor allem war das nicht sein Zuhause. Für mich aber war diese Aktion unverhofft der Start in ein neues Leben. Von nun an wollte ich sehen und spüren und erleben, was sonst noch auf der Welt möglich war. Nicht nur das Bereisen fremder Länder sollte künftig meine Auszeit sein. Ich spürte, dass ich hier gebraucht werde, dass ich hier aus meinen vier Wänden heraus, hier in meiner Heimat etwas tun wollte. Keine Aquarelle malen und keine regelmässigen Tennisstunden waren mein Glück.

Vermehrt auf der Flucht

Zum Glück war Bruno Bruno! Er warnte zwar unsere Kinder: Achtung, eure Mama ist unzurechnungsfähig geworden, sie ist in der Abänderung und euer Papa wird sich in dieser Zeit vermehrt auf die Flucht machen. Doch es schien, dass sich unsere Wünsche sehr gut vereinbaren liessen. Bruno ist heute vermehrt mit seinen Freunden unterwegs, vor allem Simon, der geschieden ist und Walter, der ebenso alleine lebt, geniessen diese Tage sehr. Oft fragen sie, ob wir uns in einer Krise befinden. «Sehen wir so aus?», frage ich dann gerne zurück.

Neue Räume im Alltag

Bruno und ich leben nun so, wie wir es mögen, im Kleinen. Im Alltag finden wir neue Räume, die es zu erschliessen gilt. Zum einen habe ich das Theater gefunden und vor allem habe ich mich einer Hilfsorganisation angeschlossen. Ich helfe heute Menschen, die in der Schweiz leben, um sie in Formalitäten einzuweisen. Das sind unglaublich spannende Kontakte. Es gab so auch schon zwei Reisen, einmal ein verlängertes Wochenende nach Albanien – ich war noch nie in Albanien, eine unglaublich schöne Gegend – ein andermal war ich in Tunesien, habe eine junge Frau begleitet, die Unterlagen in ihrer Heimatstadt einfordern musste. Das war nervenaufreibend und fast schon etwas gefährlich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Freue mich auf das Kofferpacken

Auf alle Fälle fühle ich mich rundum wohl. Geniesse es, wenn Bruno nach Hause kommt. Dann pflegen wir unsere langen, langen Nachtessen, weil wir einander wieder so viel zu erzählen haben und planen die Besuche bei unseren Kindern genauso, wie wir unsere Tage planen. In ein, zwei Jahren will ich beruflich etwas kürzer treten, dann wollen Bruno und ich nach Afrika. In Kenia ist ein Wasserprojekt geplant und Bruno zeigt Interesse, die Pläne dazu zu zeichnen. «Wenn ich schon von Berufes wegen etwas beisteuern kann, mach ich das gerne», fand er. Diesen Mai fliegen wir zum ersten Mal für zwei Wochen hin. Ich freue mich jetzt schon, wenn ich den Koffer zum Einchecken rollen kann.

Nacherzählt von: Lotty Wohlwend

Guter Daddy – schlechter Daddy?

Die Vaterrolle ist eine ganz spezielle im Leben eines Mannes. Es ist buchstäblich so, dass sich das Leben von einem Tag auf den andern komplett verändert. Dabei geht es einerseits um eine grosse Verantwortung, anderseits aber auch um Gefühle, um Nähe und Wärme zu dem kleinen «Wurm», der plötzlich in das häusliche Dasein gepurzelt ist. Das Vatersein hat aber auch Schattenseiten.

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