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Ferien / Reisen

Eine Panoramafahrt voller Höhepunkte

Eine Panoramafahrt voller Höhepunkte

Von Glarus bis nach Thun führt die nationale Veloroute 4 über hohe Berge, in Schussabfahrten ins Tal und zu grossen Seen. Wer das Herz der Schweiz entdecken will, nimmt am besten ein E-Bike. So bleibt Energie fürs Geniessen der grandiosen, wechselnden Landschaft.

«Was, ihr wollt über den Klausen?», fragt uns ein Einheimischer im Glarner Dialekt. «Seht ihr nicht, dass es oben über Nacht geschneit hat?» Kopfschüttelnd geht er weg. Am Vortag war es noch sommerlich warm in Glarus, die Leute picknickten in kurzen Hosen im Park beim Springbrunnen. Und für die nächsten Tage kündet der Wetterbericht wieder spätsommerliches Wetter an. Natürlich hätten wir uns auch Sonnenschein gewünscht. Doch was solls. Wir hüllen uns in die Regenkleider, ziehen Ohrenwärmer und Winterhandschuhe an. Falls der Schneefall zu stark wird, hätten wir immer noch das Postauto, das uns über den Pass bringt. Zudem erwarten uns unsere leichteren (und trockenen) Kleider im nächsten Hotel in Unterschächen; der Transport ist organisiert. Es ist also alles vorgesorgt. Es kann losgehen.

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Die malende Serviertochter

Der erste Teil führt auf Nebenstrassen und entlang der Linth Richtung Linthtal. Die Berge sind für Flachländer hier schon sehr hoch und eng. Bis zu 1750 Meter höher liegen ihre Gipfel. Ihre Flanken jedoch präsentieren sich prächtig. Auffallend die grossen Kamine der Fabriken im lang gezogenen Talboden. Augenfällig aber auch die Verlassenheit der Gebäude. Die Fassaden wirken nicht nur wegen des leichten Regens düster. Fenster sind eingeschlagen. Die hier einst blühende Textilindustrie des 18. Jahrhunderts ist nur noch auf dem interessanten Lehrpfad durch das Tal erfahrbar. Dadurch wird auch klar, warum Linthwasser immer wieder in kleinen Kanälen zu den Fabriken geführt wird, die wir auf dem Weg passieren.

Ab Linthtal dann die Tafel, die keine vergangene Geschichte beschreibt, sondern unseren Weg betrifft: «Auf 21 km 1250 Meter Steigung»; unser heutiger topografischer Höhepunkt, der Klausenpass.Das Wetter meint es gut mit uns. Der leichte Regen hat aufgehört. Die dicken Handschuhe habe ich mit dünneren gewechselt. Und wieder einmal bestätigt sich, dass, wenn der «innere Schweinehund» überwunden ist, jedes Wetter seinen Reiz hat. Fast mystisch schleichen Nebelschwaden an den schroffen Bergflanken vorbei. Der untere, bewaldete Teil zeigt sich in den Herbstfarben. Und oben grüsst der Winter. Auf den lang gezogenen Kurven Richtung Urnerboden geniesse ich immer wieder diese Ausblicke. Dank diesem Wetter müssen wir auch keine rasenden Ausflügler auf der Strecke befürchten. Die Laune sackt auf der lang gezogenen, fast ebenen Strecke auf dem Urnerboden dann doch etwas zusammen. Garstiger Wind bläst uns entgegen. Der Blick zum zweiten grossen Anstieg zum Klausenpass lässt nichts Gutes ahnen. Ein leichter Schneefall begleitet uns bis auf die Passhöhe.

Der kleine Schneemann auf der Terrasse im Hotel begrüsst uns freundlich. Wir wärmen uns drinnen mit einer warmen Suppe. Die Strasse bleibt zum Glück schneefrei. Die Abfahrt ist gefahrlos machbar. In Unterschächen empfängt uns die kreative Seite der Serviertochter.Die Glaswand zum Raucherabteil stellt einen zufriedenen Jäger und drei Gämsen dar. Wir können dem Wildteller aus heimischer Jagd am Abend nicht widerstehen. Wir sind uns einig: Wir haben einen abwechslungsreichen, schönen Tag erlebt; gerade auch mit dem Wetter.

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Ingenieurskunst an der Axenstrasse

Am nächsten Morgen lichten sich die Wolken. Immer mehr zeigen sich die schneebedeckten Berge Richtung Klausenpass. Die Sonne bricht durch. Nun leuchtet die Natur in den Herbstfarben, der Schneefall von gestern scheint weit weg. Im Schuss geht es durch das schmale, tiefe Tal Richtung Altdorf und Flüelen. Die Axenstrasse ist wie immer stark befahren. Der Autolärm begleitet uns. Wir bleiben auf dem Trottoir, das zwischen dem Vierwaldstättersee und der zweispurigen Autostrasse liegt. Auch wenn der Veloweg auf die Autostrasse weist, ist es zwingend ratsam, auf dem Trottoir zu bleiben. «Es gibt bis Brunnen kein Verbotszeichen für Velos. Auch die Polizei hat nichts dagegen», bestätigt uns eine junge Frau von der Verkehrssicherheit an einer Baustelle. Die Ingenieurskunst von damals ist auf dem Weg vor Sisikon besonders eindrücklich sichtbar.

Eine Strasse, die ihren Namen verdient

Nach den tiefen Tälern und den fast greifbar nahen Bergflanken des Glarner- und Urnerlandes wirkt Nidwalden und Obwalden entlang des Sarnersees lieblich, weit und flach. Auf herrlichen Nebenstrassen, vorbei an Bauern, die Obst auflesen, lässt es sich locker radeln. Nicht nur der Charakter der Landschaft ändert sich, mit ihr auch die Baustile der Häuser und das Essen. Gab es in Glarus Schabziger und ein Glarner Pastetli, gefüllt mit Dörrbirnen- oder Mandelmus, genossen wir in Altdorf ein «Ueberlitzli», die kleinere Variante der Urner Pastete mit einer Apfel-Weinbeeren-Füllung. Die reichhalten Älplermagronen von der Fluonalp aber lassen wir dieses Mal links liegen. Die Alp liegt auf einem herrlichen Aussichtspunkt an der Panoramastrasse über den Glaubenbielenpass nach Sörenberg und am Fusse des Giswilerstocks. Wir nutzen lieber die Morgenfrische, um die nächsten über 1000 Höhenmetern zu überwinden. Die Strasse hat ihren Namen zu Recht. Immer wieder halten wir an, um den Blick über den Sarnersee, vom Brünig zum Bouchserhorn bis zur Rigi, zu geniessen oder die erste Schicht Kleider in der Satteltasche zu verstauen, da die Herbstsonne wärmt. Dank dem E-Bike reicht unsere Energie aus, auch bei 12 Prozent Steigung die Umgebung aufzunehmen: tiefes Einatmen von Harzdüften in der Waldpartie, das Sprudeln eines Bergbachs, ein Reh, das gemütlich über die Strasse geht, als wir um eine Kurve kommen. Die Stille wird höchstens durch das Tüütaatoo des Postautos unterbrochen.

Auf dem Pass ändert sich wieder die Szenerie. Das Brienzer Rothorn ist vom vorgestrigen Schnee noch eingepudert, die Herbstfarben drücken immer mehr durch. Die Moorlandschaft in senfgelben Tönen.

Meringues im klimatisierten Schrank

Kurz nach Sörenberg hat die Veloroute 4 zwei Varianten. Wir entscheiden uns für die landschaftlich reizvollere. Zwar gibt es noch einmal ein paar Höhenmeter über «Höger und Chräche» Richtung Schrattenflue, Hohgant und seine markanten zerfurchten Bergflanken. Der Weg durch ein paar der rund 170 Täler des Emmentals ist jedoch mit dem E-Bike problemlos machbar. Auch die wenigen ungeteerten Wegabschnitte stellen keine Probleme dar. Dafür fahren wir durch eine abgelegene Gegend, vorbei an schmucken Berner Bauernhäusern – eine Strecke, die wir sonst nie gefahren wären. Hier, fern der Hauptstrasse, entdecken wir wieder ein Stück urtümliche Schweiz. Nach über 1600 Höhenmetern darf bei meinem Partner im Kemmeriboden-Bad das Dessert mit Riesenmeringue nicht fehlen. Hier werden die handgrossen hellbraunen Schalen so behütet wie andernorts ein guter Wein: in einem Glasschrank mit Klimaanlage. Mir allerdings ist das Sprudeln im Zuber beim Eindunkeln draussen um einiges lieber.

Am nächsten Tag geht es über den Schallenberg locker hinunter nach Thun. Strahlend blau der Himmel und der See. Dazu die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Der Schneemann auf dem Klausenpass und das leichte Schneegestöber drei Tage vorher sind fast irreal. Wir schwärmen von der zurückgelegten Wegstrecke; eine Panoramatour, die ihren Namen verdient. Derweil schmilzt das Vanilleglace im Coupe Nesselrode in der Herbstsonne dahin.

Monika Neidhart

Hände weg von Jungvögeln

Ein Jungvogel hat die besten Überlebenschancen, wenn er von den Altvögeln gefüttert und betreut wird. Eine goldene Regel lautet deshalb: Lassen Sie Jungvögel dort, wo sie sind! In den seltensten Fällen sind sie wirklich verlassen.

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