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Ferien / Reisen

Fern vom Touristenstrom

Fern vom Touristenstrom

Bellinzona, Locarno, das Verzascatal oder der San Salvatore sind lohnende, bekannte Ausflugsziele im Tessin. Wer es etwas geruhsamer will, findet ebenso schöne Ecken zu Fuss, mit dem Velo und in mediterranen Hotelgärten.

Die Morgensonne im Rücken. Im Blickfeld die Weite des Lago Maggiore mit den Brissagoinseln. Spiegelglatt liegt der See da. Die Ruhe der Morgenstunde liegt auch auf der Frühstücksterrasse unseres Hotels bei Ascona. Ich atme tief durch und tauche ein in diese Welt. Welch ein herrlicher Start in den Tag. Wir suchen in unseren Kurzferien nicht das pulsierende Leben, wir suchen das Naturerlebnis. 4000 Kilometer lang soll das Wandernetz im Kanton Tessin sein. Wir wählen daraus die rund sechsstündige Wanderung Rasa bis Sopra Ascona aus, auch wegen der ungewöhnlichen Anreise. Die Centovallibahn bringt uns von Locarno zuerst nach Verdasio. Knarrend und schaukelnd fährt der Zug durch das stetig ansteigende Tal und durch kleine Dörfer. Das Geleise ist so nah an den Häusern, als würden wir durch ihre Gärten fahren. Bald sind nur noch Bäume und Palmen sichtbar. Alte Steinbrücken führen über kleine Bäche, moderne, grössere sind Teile der Autostrasse. Der Fluss liegt tief unten. Verdasio – Halt auf Verlangen. Zum Glück spricht der Bahnangestellte Deutsch. Eine Durchsage oder Anzeige gibt es in dieser einfachen Bahn nicht. Die kleine Seilbahn nach Rasa liegt unmittelbar neben der Bahnstation. Sie führt spektakulär über das ganze Flusstal.

Tief unter uns liegt das schmale, steinige Flussbett. Wem das Schweben über den Abgrund zu spektakulär ist, müsste den Fussweg nehmen. Es führt keine Autostrasse ins kleine Dorf, auf die Naturterrasse auf knapp 900 m ü. M. hinauf. Die grossen Herrschaftshäuser um die Kirche zeugen davon, dass dieser Ort, der seit dem 16. Jahrhundert bewohnt ist, einst durch Emigranten, die beim Zoll in Livorno arbeiteten, reiche Bewohner hatte. Am Tag unserer Wanderung steht der Zeiger an der Kirchenuhr still. Die Ruhe und Abgeschiedenheit ist spürbar. Eine Ziege schaut uns verdutzt aus dem Stall an, die Schafe fressen gemütlich ihr Gras. Die sechsstündige Wanderung beginnt gemächlich dorfauswärts und führt über eine Alpwiese und durch Wald leicht hinauf. Nach der Alp Termine steigt der Weg dann deutlich an. Stetig geht es durch den dichten Wald hinauf. Erst ganz oben, für die letzten 10 Minuten bis zum Gipfel braucht es etwas Trittsicherheit über den felsigen Rücken. Dann stehen wir auf dem Pizzo Leone. Die Aussicht ist jeden Schweisstropfen wert. Eine freie Rundumsicht – ohne dass man sie mit vielen anderen teilen muss. Auf der einen Seite liegt der Lago Maggiore mit den Brissagoinseln. Wie ein Fjord dehnt sich der See bis zur breiten Magadinoebene aus. Dahinter die Bergkulisse. Gegen Norden hin ein ganz anderes Panorama: steile, wellenartig bewaldete Berghänge. Das tief darunterliegende Centovalli lässt sich durch die grüne Laubdecke mehr erahnen als sehen.

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Spumante brut statt Merlot aus dem Poccolino

Das Panorama begleitet uns weiter auf einem leicht abfallenden, gut begehbaren Höhenweg bis zum Aussichtspunkt Alpe di Naccio. Auch die Sonne und mit ihr ein würziger Duft von Harz und Gräsern. Dann tauchen wir wieder ein in den Mischwald. Über gefühlte 10 000 Naturtreppen gehts nach Ronco über 1200 Höhenmeter hinunter. Wir hätten gerne unsere Gelenke und Muskeln auf halbem Weg im Grotto entlastet, das in einer Waldlichtung liegt und noch einmal den Blick auf den See frei gibt. Leider ist es an diesem Tag geschlossen. Umso mehr geniessen wir das Dessert auf der Terrasse des Hotels in Porto Ronco mit freiem Blick auf den Lago Maggiore. Am Abend wählen wir zwischen rund 13 verschiedenen Risottos. Der Reis selbst stammt aus dem Maggiadelta, dem nördlichsten Reisanbaugebiet der Welt. Für das Orangenrisotto gewinnt der Küchenchef die Reduktion des Saftes aus den Früchten, die im hauseigenen Garten wachsen. Dazu etwas Lavendel. Lokal auch der gut assortierte Weinkeller. Wer meint, es gäbe nur Merlot, sollte hier verweilen. Zwar ist sie mit 82 Prozent die meist angebaute Rebe. Der Spumante brut aus Pinot- und Chardonnay-Trauben von einem Winzer aus Losone braucht den Vergleich zu Prosecco nicht zu fürchten.

Felsbrocken als Tiefkühlschrank

Der lange Abstieg über die Naturtreppen lässt sich am nächsten Tag nicht verleugnen. Da kommt die Velotour durchs Val Bavona und Maggiatal gerade recht. Allerdings ist die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln etwas lange. Dazu sind wir auf das Velotaxi durch das Hotel in Minusio angewiesen. Zum Glück haben wir uns darauf eingelassen. Sonst hätten wir uns wohl kaum bis ganz zuhinterst nach San Carlo «verirrt». Doch diese 12 Kilometer bis zum Übergang ins Maggiatal sind eine Entdeckung. Konditionell stellt die Fahrt auf der Hauptstrasse keine Ansprüche; es geht rund 550 Höhenmeter hinunter. Zwölf kleine Dörfer gehören zum Tal. Eng aneinander gebaut aus Stein, scheinen sie sich gegenseitig Schutz geben zu wollen. Die riesigen Felsbrocken, die im ganzen Teil verstreut sind, werden integriert. Mal als Hauswand, mal als kleiner Unterstand. Früher, zu Zeiten, wo es noch keine Kühltruhen gab, wurden solche Steinhöhlen auch als Keller und Speicher von Schnee gebraucht. So hielt er bis in den Spätsommer hinein.

Einwohner gibt es wohl nicht mehr viele, das Tal ist nicht ganzjährig bewohnt. «Die Kirche von Gannariente, die 1595 erbaut wurde, wird nur noch zweimal pro Jahr gebraucht», erklärt uns die gut 60-jährige Frau aus dem Tal, die Deutsch in der Klosterschule Menzingen (ZG) gelernt hat. Sie ist Anfang September gerade dabei, die Kirche zu reinigen. Das Wasser ist ganz schwarz vor Staub. «Am Sonntag ist Messe und Anfang Mai findet jeweils eine Prozession von Cavergno bis hierher statt. Rund vier Stunden beten rund 500 Leute vom Tal Litaneien und plaudern auch sonst allerlei», fügt sie schmunzelnd an. Die Bergwände sind steil, das U-Tal recht eng. Die Steine dunkel. Die Häusergassen sind verwinkelt, für Autos zu eng. Mit Natursteinen und Granitplatten sind sie sorgfältig belegt. Das Tempo mit dem Velo ist ideal, diese einmalige Umgebung wahrzunehmen. Immer wieder staunen wir, wie verwinkelt die Häuser sind und wie sie sich den Felsbrocken anpassen und sie integrieren. Beim Weiler Foroglio bietet sich uns ein spektakuläres Naturschauspiel: Ein Wasserfall stürzt senkrecht aus rund 80 Metern hinunter.

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Grotto am Naturwasserbecken

Vor Bignasca, im Übergang zum Maggiatal, ändert sich die Szenerie. Das Tal wird weiter, die Natur sanfter. Es wird heller. Die Häuser sind gemauert. Ab hier führt der gut markierte Veloweg nach Locarno, teils über das ehemalige Trassee der Maggiatalbahn, teils entlang der Maggia mit seinen grossen Steinen, dem opalblauen Wasser, vorbei an alten gebogenen Steinbrücken. Doch zuvor nehmen wir dank dem E-Bike einen gut 10 Kilometer langen Umweg und 300-Höhenmeter-Anstieg durchs Val Lavizzara (oberer Abschnitt des Maggiatals) zum Grotto Pozzasc in Kauf, das an einem Naturwasserbecken liegt. Weitere fünf Kilometer später die Kapelle von Mario Botta in Mogno. Es lohnt sich! Die Polenta im Grotto wird hier noch im Kupferkessi auf Holzfeuer gekocht. So schlicht und einfach die Zutaten und die Zubereitung, so schmackhaft wie wohl nirgends nördlich des Gotthards.

Die Polenta schöpft uns die junge Frau mit unverkennbarem Thurgauer Dialekt direkt mit einer grossen Holzkelle grosszügig auf den Teller. Dazu ein nicht minder grosses Stück Gorgonzola – der Käse und wir schmelzen dahin. Im Gegensatz zum Rotwein aus Americano-Trauben, die bei uns unter der Bezeichnung «Chatzeseicherli» bekannt sind. Ein Weinerlebnis der ganz anderen Art. Im mediterranen Garten mit Magnolien, Palmen, Kamelien und Olivenbäumen im Hotel in Minusio lassen wir nach gut 75 Kilometern Velofahren die Seele baumeln. So fühlen sich drei Tage an, als wäre man ganz weit weg in den Ferien.

Monika Neidhart

Wanderung Rasa – Ronco sopra Ascona


Ausgangspunkt Bergstation der Verdasio-Rasa-Seilbahn auf 898 m ü. M. Aufstieg über den Weiler Monti zum Gipfel Pizzo Leone auf 1559 m ü. M., Höhenweg zur Alpe di Naccio. Über viele Naturtreppen Abstieg nach Ronco sopra Ascona, ca. 6 Std. Verpflegung im Abstieg im Grotto da Peo, Monti di Ronco ob Ascona.

 

Velotour Val Bavone – Locarno Minusio


Auf der Schweiz-Mobil-Route, ohne Umweg ca. 45 km. Das Postauto bis San Carlo transportiert keine Velos. Evtl. Transport durch das Hotel möglich.

Arrangement, Gepäcktransport

Benvenuti-Hotels, www.benvenuti.ch, +41 (0)41 368 09 90

 

Unterkünfte

  • Hotel Casa Berno, Ascona.
    Der Blick von der Frühstücksterrasse reicht über die Weite des Lago Maggiore. Grosser, gepflegter Garten mit vielen kleinen Ecken für den Rückzug.
    www.casaberno.ch
  • Hotel La Rocca, Porto Ronco s/Ascona.
    Ausgezeichnete Küche und Wein­keller. Hoteleigenes Lido.
    www.la-rocca.ch
  • Boutique Hotel Remorino, 6648 Minusio-Locarno.
    Das Frühstücksbuffet im wunderschönen Garten mit Pool lässt keine Wünsche offen.
    www.remorino.ch

Ticino Ticket: Ab einer Übernachtung in einem Tessiner Hotel freie Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Ermässigungen auf Bergbahnen und auf Schifffahrten im Schweizer See­becken.

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