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«Ein Berber ist ein Freund fürs Leben»

«Ein Berber ist ein Freund fürs Leben»

Wer im Sommer über den Berninapass fährt, sieht eine Pferdeherde im kargen Gebirge weiden. Die reinrassigen Berber von Züchterin Claudia Lazzarini gelten als Rarität: In Europa gibt es nur noch einige Hundert Tiere der ältesten Kulturpferderasse des Mittelmeerraums. Ein Alpbesuch mit Liebeserklärung.

Die Schweiz ächzt unter der Hitzewelle, aber kurz vor der Berninapasshöhe auf über 2000 Metern geht an diesem Julinachmittag ein erfrischendes Lüftchen. Claudia Lazzarini stellt kurz den Strom ab, dann bücken sich sieben Feriengäste mit Rucksack unter dem Zaun durch. Hier gibt es Felsbrocken, Steine und Tannen, Kräuter und Alpenblumen, es geht steil bergauf und bergab, es wirkt karger als alles, was man sich gemeinhin unter «Weide» vorstellt. «Ist das nicht zu ‹gäch› für die Tiere?», fragt ein Teilnehmer besorgt, doch die Züchterin winkt ab: «Berberpferde sind trittsicher und geschickt. Das hat mit ihrem Ursprung im Gebirge Nordafrikas zu tun, aber auch mit der Übung – wer sich schon als Fohlen hier über Stock und Stein und schmale Pfade bewegt, hat kein Problem im Gelände.»

Sie bleibt stehen, streicht sich eine lange Haarsträhne hinters Ohr, schaut sich um. Kein Pferd in Sicht, und das Weideland ist riesig. «Vermutlich sind sie hinter der Biegung», meint sie. «Achtet auf frische Pferdeäpfel. Der Wind kommt von vorne, das heisst: Wir können die Pferde riechen, sie uns aber nicht.» Wir stecken die Nase in den Wind und schauen auf den Boden; beides erfolglos. Doch bereits nach wenigen Metern geraten sie in unser Blickfeld, weisse und braune Mähnen glänzen im Sonnenlicht. Jetzt haben sie uns entdeckt. Neugierig schauen die Tiere in unsere Richtung, dann setzt sich die braune Jungstute Arusha gemächlich in Gang, die anderen folgen ohne Eile in einem unaufgeregten, geschmeidigen Schritt. «Wäre es eine gemischte Hengstgruppe, würde der Ranghöchste vorausgehen und die Lage checken», sagt Claudia Lazzarini.

Die Leitstute hat alles im Griff

In der Stutengruppe aber nähert sich Arusha ihrer Züchterin, stupst sie am Oberarm. Im Sommer sehen sich die beiden seltener, die Herde lebt hier abgesehen von den Alpkontrollen eigenständig. Ohne Stall – als Unterstand, Schattenplatz und Schutz vor Regen dienen die kleinen Waldstücke und Bäume. Ohne Tränke – es gibt genügend Bäche und Quellen. Ohne mensch­liche Anleitung – die Leitstute weiss genau, was zu tun ist. Sie führt ihre Herde zu den Wasserquellen und neuen Weideplätzen, sie behält alle im Blick, achtet darauf, dass die Gruppe abends in die Höhe steigt, wo der Überblick besser ist und eine potenzielle Gefahr geringer.

Und in der Nacht teilen sich die erwachsenen Stuten die Wache auf. All das erfahren wir, während sich die Pferde um uns versammeln. Aufmerksam, aber nicht aufgeregt. Manche mustern uns aus diskretem Abstand, andere inspizieren neugierig unsere Rucksäcke, schnauben sanft in ausgestreckte Handflächen.

Menschenbezogen und treu

Die hohe soziale Kompetenz der Berberpferde und ihr Kommunikationstalent sind gewichtige Gründe, weshalb sich Claudia Lazzarini unerwartet in die Rasse verliebt hat. Denn eigentlich war das Herz der Pferdeliebhaberin bereits an die Islandpferde vergeben. Doch als sie während ihrer Ausbildung zur Gangpferdetrainerin auch Dressur reiten musste, stiess sie auf die Ecole de Légèreté – eine Reitweise, die auf den Prinzipien der alten Meister beruht. Für diese Reitkunst ist das Berberpferd prädestiniert, gleichzeitig überquert es mühelos die Alpen, bewältigt trittsicher Stock und Stein. Und so kam es, dass Claudia Lazzarini auf die älteste Kulturpferderasse des Mittelmeerraums mit Ursprung in Nordafrika umsattelte. Die Menschenbezogenheit, Lernfreude und Treue der Tiere haben sie von Anfang an fasziniert. Oder, wie sie es formuliert: «Wer ein Berberpferd hat, hat einen Freund fürs Leben!»

Drei Dutzend Berber

Heute besitzt die Biobäuerin ein eigenes Berbergestüt auf ihrem Hof Al Canton in Le Prese, wo sie zusammen mit Agraringenieur und Bauer Elmo Zanetti und ihren vier Töchtern lebt und arbeitet. Es ist ihr Beitrag zum Erhalt der gefährdeten Rasse, aktuell gibt es in Europa nur noch einige Hundert reine Berber. Drei Dutzend hält die Familie Zanetti-Lazzarini aktuell – neben dem einzigen verbliebenen Isländer. Wie jeden Sommer geniessen die Tiere ihre Freiheit auf der Alp. Uns präsentiert sich ein friedliches Bild: Die Fohlen staksen hinter ihren Müttern und beäugen den Besuch neugierig. Emnya und Emel treiben Schabernack. Charis scheint besonders nahrhafte Kräuter gefunden zu haben und frisst vertieft. Claudia Lazzarini beobachtet Gassur, das Hengstfohlen: «Er lernt hier alles, was er für sein Sozialverhalten und seine Ausbildung braucht. Denn die Pferdesprache ist universell – damit wird er später in jeder Herde zurechtkommen», erklärt sie und zeigt der jüngsten Besucherin, wie sie sich am besten dem Fohlen nähert. «Du magst es auch nicht, wenn eine fremde Person dir einfach über das Gesicht streicht, oder? Das geht dem Fohlen nicht anders.» Und prompt scheint das bald dreimonatige Pferdekind das sanfte Kraulen am Hals zu geniessen.

Wie in der Grossfamilie

Wie bei allen Fohlen war die Züchterin auch bei Gassurs Geburt dabei. Sie bleibt zurückhaltend im Hintergrund, schreitet nur ein, wenn es nötig ist – mit ihrem Erstberuf als Hebamme sind Geburten kein Novum für die vierfache Mutter. Die Fohlen bleiben mit ihren Müttern in der Herde und sind von Anfang an Teil der Gemeinschaft: Sie spielen mit ihren «Gspänli», werden auch von den anderen Stuten umsorgt, von der Leitstute beschützt. Im Frühling, wenn das Absetzen beginnt und die Mutter Schritt für Schritt aus der Herde entfernt wird, dauere es oft eine Weile, bis das Fohlen ihr Fehlen überhaupt bemerke – denn die ganze Grossfamilie ist ja immer noch da.

Davon weiss Gassur noch nichts. Im Herbst kommt er mit der Herde auf die Weide im Tal, und damit wieder näher zur Züchter­familie. Tägliche Berührungen auf der Weide intensivieren die Bindung nach dem Alpsommer wieder, und auch das Striegeln diene mehr dem Körperkontakt als der Schönheit, erzählt Claudia Lazzarini. Im Winter verringert sich der Radius für die Tiere, die Herde bleibt auf der Tageskoppel und im Laufstall zusammen. Und im Frühling beginnt mit dem Absetzen, den Geburten und dem Decken die intensivste Zeit im Jahr. Die naturnahe Aufzucht in der Herde und die artgerechte Haltung sind für die Züchterin eine persönliche Herzensangelegenheit und längst zum Fachgebiet geworden. Sie lädt regelmässig zu den Alpkontrollen und zum Pferdetraining ein und hält Referate. Dabei schöpft sie aus einer Schatztruhe voller Wissen – und noch mehr aus ihrer reichen Erfahrung.

Ruhige Nächte für alle

Es ist später Nachmittag geworden. Die meisten Pferde haben ihr Interesse am Besuch verloren. Dhimar bewegt sich leichtfüssig wie eine Ziege den steilen Hang hinauf. Gassur weidet mit seiner Mama Liza an einer flachen Stelle, wo in diesem Moment die Rhätische Bahn Richtung Pass keucht. Arusha bleibt auffordernd stehen, als warte sie auf etwas. Doch für heute ist die Alpkontrolle beendet. Claudia Lazzarini verabschiedet sich von Arusha, wirft einen letzten Blick auf die Weide. Sie weiss, dass sie sich auf ihre Leitstute verlassen kann – diese wird auch heute dafür sorgen, dass die ganze Herde die Nacht auf der Anhöhe verbringt, während ihre Züchterin unten im Tal beruhigt schläft und Gassur von seinem nächsten Abenteuer auf 2000 Metern über Meer träumt.

Die Familie Zanetti-Lazzarini betreibt auf ihrem Biohof Al Canton in Le Prese neben der Pferdezucht ökologischen Ackerbau und produziert eigenen Kräutertee. www.al-canton.ch

Franziska Hidber

© Bilder: Franziska Hidber

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