Schon seit mehr als 220 Millionen Jahren bevölkern Schildkröten unseren Planeten. Doch inzwischen ist ihre Existenz bedroht.
Die gemächliche und friedvolle Art der Schildkröte inspirierte die Menschen schon vor Jahrtausenden. So steht in vielen Schöpfungsmythen ihre Gestalt symbolisch für Himmel, Erde und Wasser. Als Krafttier lehrt sie Achtsamkeit und Zeitlosigkeit und bringt uns Frieden und Vertrauen. Kein Wunder, denn die Anpassungsfähigkeit dieser eierlegenden Reptilien sicherte ihnen das Überleben in fast allen Klimazonen bis in unsere Zeit. Dennoch sind heute viele Schildkrötenarten durch menschliche Einflüsse akut gefährdet. Viele Schildkröten, die als Haustiere gehalten werden, erleiden das Schicksal, vernachlässigt, abgeschoben oder ausgesetzt zu werden. Allein in der grössten Schweizer Auffangstation von Chavornay werden jährlich etwa 350 Schildkröten abgegeben. Durch die Jagd und Nutzung durch den Menschen sind inzwischen weitere Schildkrötenarten gefährdet. Viele Arten unterliegen daher dem Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) und dürfen weder in der Natur gefangen noch gehandelt werden. Auch der Import von aus Schildkröten hergestellten Produkten wie Kämme, Broschen und Suppe ist verboten.
Schildkröte ist nicht gleich Schildkröte
Die weltweit über 300 Arten werden in Land, Sumpf, Wasser und Meeresschildkröten unterteilt. Zwei ausgeprägte Merk male sind jedoch allen Schildkröten gemein. Sie besitzen einen Panzer, der bei den meisten Schildkröten stromlinienförmig oder kuppelförmig ist und einen Beckengürtel, der sich im Brustkorb befindet. Dieser anatomische Aufbau sorgt auch für den etwas behäbigen Gang aller Schildkröten. Erst wenn man die Füsse der verschiedenen SchildkrötenGattungen betrachtet, entdeckt man grosse Unterschiede. Die Füsse der Landschildkröten sind passend geformt für den Gang an Land. Die der Wasserschildkröten haben Schwimmhäute und Meeresschildkröten haben richtige Flossen. Ebenfalls ein gemeinsames Merkmal ist der Kehlschild – eine Verlängerung des Bauchpanzers. Männchen nutzen den Kehlschild auch als Waffe, um den Gegner im Kampf umzuwerfen. Deshalb ist der Schild bei ihnen auch ausgeprägter.
Der Panzer, hart und doch empfindlich
Das wohl beeindruckendste Merkmal einer Schildkröte ist der Rückenpanzer, kein anderes Wirbeltier zeigt eine vergleichbare Anatomie. Er besteht in seiner untersten Schicht aus massiven Knochenplatten. Der Panzer ist im Laufe der Evolution durch eine Verschmelzung von Wirbelsäule, Rippen, Schultergürtel und Beckengürtel entstanden. Über dem Knochenpanzer befindet sich je nach Art eine lederartige Hautschicht, die aus Keratin besteht. Der Panzer bildet ein einzigartiges Schutzschild, ist jedoch sehr verletzlich sowie schmerzempfindlich. Man könnte ihn mit dem Fingernagel eines Menschen vergleichen. Wenn Gefahr droht, ziehen sich Landschildkröten in ihren Panzer zurück und verschliessen die Lücke mit ihren kräftigen Vorderbeinen.
Der Methusalem unter den Reptilien
Eine Schildkröte hat durchaus das Potenzial, ein biblisches Alter zu erreichen. Besonders Riesenschildkröten erlangen nicht selten ein Alter von bis zu 200 Jahren. Das Geheimnis für diese sehr lange Lebensdauer liegt in ihrem äusserst langsamen Stoffwechsel (Metabolismus). Je schneller das Herz schlägt, desto höher ist auch der Stoffwechsel und dadurch altert ein Tier schneller. Da Schildkröten jedoch eher gemütliche Tiere sind, besitzen sie im Vergleich zu anderen Tieren einen ruhigen Puls. Zudem gilt die Formel: Je kleiner die Schildkrötenart, desto geringer ist ihre Lebenserwartung. Der Stoffwechsel bei Schildkröten bestimmt auch die Geschlechtsreife, die nicht vom Alter, sondern vom Gewicht des Tieres abhängig ist. So erreichen männliche Aldabra-Riesenschildkröten ihre Geschlechtsreife erst mit rund 50 Jahren – so lange dauert es, bis sie ausgewachsen sind. Schildkröten, die in Gefangenschaft gehalten werden, erreichen je nach Rasse im Durchschnitt ein Alter zwischen 40 und 120 Jahren. Daher kommt es nicht selten vor, dass eine Schildkröte ihren Halter überlebt.
Kommunikation und synchronisiertes Schlüpfen
Die Lautäusserungen der Schildkröten sind vielfältiger, als man annimmt. Forscher konnten bis zu 270 individuelle Laute aus insgesamt 220 Stunden Tonaufzeichnungen isolieren. Mit tiefen, schnarrenden Tönen kommunizieren Muttertiere so mit ihrem Nachwuchs. Vor allem in Nestnähe können Weibchen dann auch mal laut werden. Meeresschildkröten-Embryonen tauschen sich vor dem Schlüpfen untereinander akustisch aus, um möglicherweise das Schlüpfen zu synchronisieren und die Bewegungen zu koordinieren. Denn durch das Schlüpfen im Schwarm sind die kleinen Schildkröten weniger anfällig gegenüber Räubern. Auch eine olfaktorische (geruchliche) Kommunikation wird nicht ausgeschlossen: Fertig entwickelte Landschildkröteneier beginnen zu «stinken». Dies soll bei vielen Schlüpflingen das Signal zum gleichzeitigen Schlüpfen sein.
Mythos Schildkröten – Fluch und Segen
Schildkröten, insbesondere die auf dem Land lebenden, haben im Laufe der Menschheitsgeschichte viele Bräuche, Legenden und mythische Symbole entstehen lassen. Häufig spielte der Panzer dabei eine grosse Rolle. Er galt als Sinnbild für einen besonderen Schutz. In einigen Kulturen galt die Schildkröte als heilig und unantastbar, andere Kulturen verwendeten Teile des Tieres sogar zur Heilung von Krankheiten. Sie wurden aber auch gejagt und gegessen – bis heute. Die Menschen versuchten, sich so die Urkraft der Schildkröte anzueignen. Noch heute gelten die Tiere und ihre Eier in asiatischen Ländern als Delikatesse und Statussymbol, insbesondere in China. Die traditionellen und völlig verstaubten Vorstellungen, nach denen man durch den Fleischverzehr ebenso alt und fruchtbar werden kann wie eine Schildkröte, ist leider nicht aus den Köpfen zu kriegen. Ebenso hält sich seit Jahrhunderten in Thailand der Glaube, man könne schlechte Gedanken, Krankheiten und familiäre Probleme in eine gut gewählte Schildkröte hineinmeditieren, um sie dann auszusetzen und seine Sorgen auf diese Weise loszuwerden. Hauptsächlich leben Schildkröten heute im Mittelmeerraum und in den Wüstengebieten wie zum Beispiel Nordamerika und Südostasien. Sumpfschildkröten waren auch mal in der Schweiz heimisch. Man fand unter anderem versteinerte Panzer in der Nähe von Genf, die auf rund 20 Millionen Jahre geschätzt werden. Die älteste Schweizer Schildkröte wurde in einer Baugrube in Frick (AG) gefunden. Das fast 1 Meter lange Tier der Gattung Proganochelys lebte auf dem Festland rund um die Sümpfe, die vor 210 Millionen Jahren die Gegend prägten. Die Schildkröte besass bereits viele Ähnlichkeiten mit modernen Arten, konnte aber ihren Kopf nicht einziehen. Um nicht zur leichten Beute zu werden, war sie an Hals und Schwanz mit Stacheln bewehrt.
Zuhauf verhökert und entsorgt
Schildkröten sind sensible und geschützte Wildtiere, die auch in Gefangenschaft nur schwer zu halten sind. Junge Schildkröten sind niedlich und werden daher oft unüberlegt angeschafft. Die anfängliche Euphorie nach einem Schildkrötenkauf verpufft jedoch meist schnell. Haltungs und Fütterungsfehler führen zu Panzerverformungen und schleichenden Krankheiten. Die Schildkröten werden ausgesetzt oder in Tierheimen abgegeben. Dort ist die Not gross, Hunderte Schildkröten warten schweizweit in Auffangstationen auf ein neues Zuhause und dennoch wächst das Geschäft mit den vom Aussterben bedrohten Schildkröten. Seit Wildfänge verboten wurden, boomt der Handel mit künstlich ausgebrüteten Schildkröten. Jungtiere werden massenhaft via Internet, Reptilienbörsen oder verantwortungslose Tierhandlungen zu Spottpreisen verhökert.
Finger weg von Jungtieren – Adoption statt Kauf! Das meint Nadja Brodmann vom Zürcher Tierschutz. Sie erachtet Schildkröten als ungeeignete Heimtiere und empfiehlt, auf eine Anschaffung zu verzichten. «Keinesfalls sollen Schildkröten aus dem Ausland als Souvenir mitgebracht, übers Internet oder an Reptilienbörsen gekauft werden. Wer hingegen viel Freude an Schildkröten hat und den Tieren über Jahre ein sicheres Zuhause bieten kann, sollte ältere Tiere aus Auffangstationen adoptieren», so Brodmann.
Anne Weber






