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Ratgeber

Beim Umzug packen wir die Emotionen aus!

Beim Umzug packen wir die Emotionen aus!

Bald ist es wieder so weit, und jede achte Person in der Schweiz sitzt zwischen Stuhl und Bank, denn mit dem 30. Juni steht einer der ortsüblichen Kündigungstermine vor der Tür.

Wie die Analyse von Nachsendeaufträgen der Post zeigt, ziehen in der Schweiz pro Jahr ungefähr eine Million Menschen um. Umzugswillig sind vor allem Personen zwischen 20 und 35 Jahren. Klar, vollkommen verständlich, werden Sie sagen. Diese Lebensphase kennzeichnet sich durch das Ausziehen aus dem Elternhaus und das Suchen und Finden des passenden Lebensentwurfs. Mit Mitte dreissig hat Mann oder Frau oft genug gesucht und vielleicht auch gefunden. Man scheint bereit zu sein, mit dem Partner sesshaft zu werden, oder als Single froh zu sein, einen festen Rückzugsort zu haben. Ab diesem Zeitpunkt nimmt die Umzugsfreudigkeit stetig ab. Erst ab dem 75. Altersjahr steigt die Wahrscheinlichkeit, umzuziehen, wieder an. Dann, wenn für viele der unausweichliche Schritt gekommen ist, das eigene Haus aufzugeben und sich mit Erinnerungen vollgepackt in eine kleinere Wohnung zu begeben oder eine Alterswohnung zu beziehen.

Durchschnittlich werden pro Umzug 23 Möbelstücke von A nach B verschoben und pro Person 22 Umzugskisten gepackt. Die umziehenden Menschen zieht es meist nicht wirklich weit weg, 29 km beträgt die durchschnittliche Umzugsdistanz. Es wirkt fast so, als seien die Umziehenden ihrer Region sehr verbunden. Vielleicht eine Art Regionalpatriotismus, oder ist es womöglich die Angst, seine Zelte ganz abzubrechen und noch einmal von vorn zu beginnen?

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Umzug der Emotionen

Das Umziehen ist immer emotional, egal ob man das erste Mal in die eigenen vier Wände, in eine grössere Wohnung oder wegen einer Trennung umzieht. Da paaren sich die Angst und Traurigkeit beim Abschied mit der Hoffnung und Aufregung des Neubeginns. Es schleicht sich auch ein Hauch von Melancholie in unser Herz. Wir geben etwas auf, nehmen Abschied von einem Ort, an dem wir viel erlebt haben. Wir haben gelacht, geweint, uns geärgert, waren verzweifelt und haben uns dann wieder aufgerafft – und das alles in diesen vier Wänden, die wir verlassen.

Vor dem Umzug stehen überall Kisten, fein säuberlich gepackt. Irgendwie absurd, wie wenn man das bisherige Leben schön geordnet einpacken könnte. In dieser Zeit lebt man nur mit dem Notwendigsten, um startklar zu sein, wenn es richtig losgeht. Der Zügelnde beschränkt sich während einiger Tage, meist sogar Wochen nur auf das wirklich Wichtige, und dies nicht nur im materiellen Sinn. Er reduziert oft auch seine Aktivitäten. So werden soziale Kontakte auf die Zeit nach dem Umzug vertröstet, die Energie wird gebündelt und konzentriert sich auf dieses eine Ereignis.

Während dieser Phase stehen auch Ausmisten und Wegwerfen auf dem Plan. Man besinnt sich darauf, was wirklich wichtig ist, was soll noch mit, was bleibt zurück. Man will die Gelegenheit nutzen, um den eigenen Besitz durchzusehen und sich von Unnötigem zu trennen. Oft entrümpeln wir nicht nur den Hausrat, sondern auch den Kopf. Gedanklich, aber auch mit jedem Gegenstand, den man in den Händen hält, geht man die vergangenen Zeiten nochmals durch. Man dreht und wendet die Gegenstände, um zu sehen, ob sie noch etwas taugen. Ausmisten, so der Philosoph Jürgen Manemann, hilft Menschen, sich von Besitztümern zu befreien, und macht sie weniger abhängig von Konsumzwängen. Entrümpelt man sich aussen, so könne innen mehr Fülle entstehen, der Mensch lerne, was notwendig ist, und setze sich mehr mit sich selbst auseinander.

Mit dem Ausmisten trennen wir uns nicht primär von Dingen, sondern von Erinnerungen, Statussymbolen und Illusionen. Wir trennen uns von Gegenständen, über die wir uns selbst definieren, und erkennen Illusionen. So sehen wir das Kleid, das uns nicht passt und auch nicht passend gemacht werden kann, oder die Jogginghose, die zum Glück nicht weiss, dass sie nie zum Joggen getragen werden wird.

Umzug mit Folgen

Endlich, es ist geschafft, Möbel und Kisten und auch der Mensch, zumindest körperlich, sind in der neuen Wohnung angekommen. Geistig jedoch findet das Ankommen erst nach dem Umzug statt. Die Anpassung an eine neue Umgebung ist laut der Psychologin Beate Mitzscherlich, die sich mit Verwurzelung und Heimatgefühlen auseinandersetzt, eine psychische Belastung. Gerade das weibliche Geschlecht empfindet den Ortswechsel oft als Verlust von sozialen Netzwerken. Männer hingegen sehen eher die Chance, vor allem wenn der Umzug mit einem Sprung auf der Karriereleiter gekoppelt ist.

Besondere Aufmerksamkeit gilt jedoch den Kindern. Seit einiger Zeit schon untersuchen Wissenschaftler, wie sich Umzüge auf Kinder auswirken. Die Erkenntnisse zeigen, dass Umzüge abhängig von der Anzahl der Umzüge und dem Alter des Kindes einen starken Einfluss haben. Je nach Distanz ändert sich nicht nur der Schulweg, sondern auch die Freunde, die Klasse, der Sportverein oder die Tagesstruktur. Eine gross angelegte Studie an der Universität von Manchester offenbart die negativen Folgen von Umzügen für Kinder. Die Wissenschaftler analysierten fast 1,5 Millionen Daten von dänischen Kindern, die zwischen 1971 und 1997 geboren wurden. Die Studie zeigt, dass Kinder, die früher mehrmals umzogen, im Erwachsenenalter mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit zu risikoreichem, selbstdestruktivem und gewalttätigem Verhalten neigen. Die Studie vergleicht dazu die Daten der Anzahl Umzüge mit den Daten des nationalen Straftatenregisters sowie des zentralen Registers über psychiatrische Krankheiten.

Besonders belastend sind Umzüge für Jugendliche im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. In diesem Alter sind die Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität, sie entfernen sich von den Eltern, und die Freunde – die sogenannten Peers – gewinnen an Bedeutung. Mit dem Umzug in ein anderes Dorf, eine andere Stadt oder gar eine andere Region wird diese wichtige Verbindung zu den Peers durchtrennt. Interessant ist aber, dass es keinen Unterschied macht, in welchen finanziellen oder sozialen Verhältnissen die Kinder aufwachsen. Der Zusammenhang zwischen Umzug und der höheren Wahrscheinlichkeit, Gewalt auszuüben oder psychisch krank zu werden, ist immer gleich stark.

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Umzug als Chance

In einer Zeit, die durch Flexibilität geprägt ist und in der Arbeitgeber auch von Familienvätern und -müttern erwarten, dass sie nicht nur geistig, sondern auch örtlich flexibel sind, werden Menschen immer wieder mit Umzügen konfrontiert werden. Die Phase des Umzuges bietet neben der Orientierungslosigkeit und den Verlustgefühlen auch eine Chance. An einem anderen Ort anzufangen, sich von Altem zu befreien und nicht nur die neue Wohnung zu gestalten, sondern auch sich selbst neu zu entdecken und zu entscheiden, was bleiben soll und was gehen kann. Ein Umzug bietet die Möglichkeit, sich neu auszurichten und Neues zu entdecken, denn wie André Gide, ein französischer Schriftsteller, bereits sagte: «Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.»

Madeleine Eigenmann

Guter Daddy – schlechter Daddy?

Die Vaterrolle ist eine ganz spezielle im Leben eines Mannes. Es ist buchstäblich so, dass sich das Leben von einem Tag auf den andern komplett verändert. Dabei geht es einerseits um eine grosse Verantwortung, anderseits aber auch um Gefühle, um Nähe und Wärme zu dem kleinen «Wurm», der plötzlich in das häusliche Dasein gepurzelt ist. Das Vatersein hat aber auch Schattenseiten.

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