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Ratgeber

Guter Daddy – schlechter Daddy?

Guter Daddy – schlechter Daddy?

Die Vaterrolle ist eine ganz spezielle im Leben eines Mannes. Es ist buchstäblich so, dass sich das Leben von einem Tag auf den andern komplett verändert. Dabei geht es einerseits um eine grosse Verantwortung, anderseits aber auch um Gefühle, um Nähe und Wärme zu dem kleinen «Wurm», der plötzlich in das häusliche Dasein gepurzelt ist. Das Vatersein hat aber auch Schattenseiten.

Der Mann hat verschiedene Rollen inne, einige davon haben wir bereits beleuchtet, etwa diejenige des Partners oder Ehepartners, des «Beschützers» und «Ernährers», aber auch jene des Familienmenschen. Auch die Midlife-Crisis haben wir als Thema schon abgehandelt und – scheinbar – herausgefunden, dass diese tatsächlich in der einen oder andern Form existiert, wobei die Auswüchse und Dimensionen sich durchaus unterscheiden, was letzten Endes auch mit der finanziellen Potenz des Mannes zu tun hat. Schliesslich kann sich nicht jeder mit einer Mittelebenskrise aus einer spontanen Laune heraus ein schweres Motorrad leisten.

Beleuchten wir für heute einmal die Rolle des Mannes als Vater. Obwohl die Vater­figur sich im Laufe der Jahrhunderte auch verändert hat, verzichten wir für einmal auf einen vertieften Rückblick in die Geschichte, auch wenn allein schon die Literatur Tausende von wunderschönen Beispielen zu bieten hätte.Man denke allein an die Buddenbrooks von Thomas Mann, jene klassische männerdominierte Familiensaga mit dieser wundervollen Szene am Ende des einen Kapitels, als der kleine Hanno friedlich alleine spielt, während um ihn herum Teile von Europa in Blut und Pulverdampf versinken. Sein Verhältnis zum Vater ist schwierig, will der doch aus dem musisch begabten und gesundheitlich schwäch­lichen Jungen einen Kaufmann als seinen Nachfolger heranziehen, ein Unterfangen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt wird. Ein Thema, das durchaus aktuellen Charakter haben kann. Doch genug der Literatur, sonst landen wir unweigerlich bei Shakespeare, und dann wird es richtig ungemütlich, wenn wir Vater-Sohn-Beziehungen unter verschärfte Betrachtung stellen. Dann schon lieber Eichendorff, der Beginn des Taugenichts gehört eindeutig zu meinen Lieblingsstellen der deutschen Literatur, wobei der Vater, «… er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe …», für den Rest der Novelle keine grosse Rolle mehr spielt, die Ablösung des Sohnes vom Vater findet spätestens in dieser Szene seinen Anfang – die Vorgeschichte bleibt im Dunkeln.

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Arbeit lässt keine Auszeit zu

Zurück zum Ausgangspunkt: der moderne Vater. Es mag kaum zwei Monate her sein, als ein junger Vater eines damals 13 Monate alten Sohnes bei mir klagte, dass er ebendiesen Sprössling meist nur noch schlafend zu Gesicht bekäme und daher langsam, aber sicher ein schlechtes Gewissen habe. Erläuternd dazu die Erklärung, dass der junge Mann in einem Beruf arbeitet, der lange und auch unregelmässige Arbeitszeiten abverlangt, auch Abendeinsätze oder Wochenendarbeit sind mehr die Regel als die Ausnahme. Die Frage, die aber eigentlich unausgesprochen im Raum stand, war diejenige, ob der Mann nun ein schlechter Vater sei oder nicht. Eigentlich waren es ja die äusseren Umstände, die zu dieser familiären Malaise geführt hatten, trotzdem lag in seiner leisen Klage auch der Gedanke der Schuld.

Forschungen haben seit jeher zum Schluss geführt, dass jene Zeit, die man mit einem kleineren Kind verbringt, sehr wohl das Verhältnis zu ebendiesem Kind auch in späteren Jahren stark prägen kann. Ist etwa der Vater nie da, wird der Sohn oder die Tochter diesen Vater auch wenig spüren und sich später wenig an die frühere gemeinsame Zeit erinnern. Ja wie denn? Wobei hier anzufügen bleibt, dass es sich sowohl um positive als auch negative Erinnerungen handeln mag. Aber das alte Bonmot «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» hat halt auch seine Wahrheit auf die spätere Beziehung vom Kind zum Vater.

Ganz klar daher der Aufruf: Männer an den Schoppen, Männer an die Windeln, Männer hinter den Kinderwagen und Männer an den Herd. Wobei das ganz allgemein gilt und nicht nur zum Schoppenwärmen. Doch in der heutigen Arbeitswelt ist das alles andere als einfach. War es früher allerdings auch nicht, im Gegenteil. In früheren Zeiten war Teilzeit für einen Mann noch nicht einmal auf der Agenda, heute ist das eher möglich. Und es gibt – immer häufiger, aber immer noch viel zu selten – die Möglichkeit, aus dem Homeoffice heraus zu arbeiten.

Spaziergang am See

Dabei erinnere ich mich persönlich sehr gerne an die Zeit zurück, als unsere Tochter geboren wurde. Ich hatte die einmalige Chance, gegen 90 Prozent meiner Arbeitszeit im Homeoffice zu wirken. Als meine Frau nach dem Mutterschaftsurlaub wieder in die Arbeitswelt zurück wechselte, verbrachte ich nicht nur notgedrungen, sondern sehr freudvoll viel Zeit mit dem Kind. Windelwechsel nach der Nacht, Fütterung des kleinen Raubtiers, Spaziergang dem See entlang mit dem Kinderwagen und später dem Buggy, gemeinsame Aktivitäten wie Klötze stapeln oder erste Malversuche, Gutenachtgeschichte nicht vergessen. Es war eine wundervolle Zeit. Was ich an Arbeit versäumt hatte, holte ich jeweils in den frühen Nachtstunden nach. Ich war das gewohnt und hatte damit daher auch keinerlei Probleme. Und weil das Kind von Anfang an jeweils zwölf Stunden zufrieden durchschlief und eigentlich nie krank war, ging das so wunderbar in Ordnung.

Es war, man kann es nicht anders sagen, der Idealfall, und meine Erinnerungen an diese wundervolle Zeit kann mir niemand nehmen. Obwohl Mann bisweilen schon etwas zirkeln musste mit der Einteilung der Arbeitszeit und es des Öfteren suboptimal war, wenn Kind gerade dann von einem Stühlchen heruntergepurzelt war und zu einem heftigen Weinen anhob, wenn Mann gerade einen wichtigen Auftraggeber am Telefon hatte. Nicht jeder am anderen Ende der Leitung hatte dafür Verständnis.

Doch kommen wir zurück zum genannten Beispiel des vielbeschäftigten jungen Mannes, wie weiter oben erwähnt. Oder nehmen wir halt einfach einen 08/15-Beruf in dem Sinne, dass die Arbeit zwischen sieben und halb acht beginnt und dass der Weg vom Arbeitsort zu weit ist, um zum Mittagessen nach Hause zu kommen.

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Und die Alternativen?

Jobsharing? Teilzeit arbeiten? Geht oftmals nicht, weil entweder der Arbeitgeber davon nicht überzeugt ist oder weil Teilzeit bedeuten würde, dass am Ende des Monats zu wenig Geld auf dem Konto ist. Homeoffice? Glücklich diejenigen Männer, die zumindest einen Teil der Arbeitszeit so investieren können. Die Chancen dafür nehmen zu, doch in vielen Berufen ist es ein Unding. Ein Handwerker ist nun mal bei seinen Kunden unterwegs, ein Verkäufer ist im Laden und der angestellte Metzger kann das Schlachtschwein ja auch nicht auf dem Esstisch zu Hause zerlegen. Appelle müssen also, der Natur der Sache folgend, zumeist ungehört verhallen. Gut haben es hier Bauernbetriebe mit eigenem Hof oder vielleicht ein Käser mit eigener Käserei im Erdgeschoss des Wohnhauses, der Dorfbäcker und ähnliche Berufsgruppen. Und natürlich die «Kreativen», die das eigene Büro oder Atelier gleich im Haus haben. Aber der normale «Angestellte» ist eigentlich fast immer aussen vor.

Es bleibt nur die Einsicht, dass Männer zumindest versuchen sollten, so viel Zeit wie möglich mit ihren kleinen Kindern zu verbringen. Wenn es denn nicht anders geht, dann wenigstens an den Wochenenden. Und dass sie in Gottes Namen keine Schuld trifft, wenn sie die Arbeit davon abhält. Das macht noch lange keinen schlechten Vater aus. Es ist wie mit dem kleinen Sohn meines Kollegen: Irgendwann beginnt auch für ihn der Kindergarten, dann die Schule und er ist somit auch unterwegs und lernt den Alltagstrott kennen. Und er wird weniger lange schlafen. Und dann kann man sich auch zum gemeinsamen Abendessen treffen. Die ganze Familie am Tisch, auch wenn Papa mal etwas später von der Arbeit kommt. Ein guter Anfang!

Zumindest bis zur Pubertät. Dann lernt auch der beste Vater, dass Whatsapp bisweilen ganz hilfreich sein kann, wenn man wissen will, wo sich der Nachwuchs mal wieder rumtreibt, wenn zu Hause das Abendessen auf dem Tisch steht.

Roland Breitler

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