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Ratgeber

Vertrauenssache

Vertrauenssache

Wir trauen nicht jedem über den Weg. Manchmal trauen wir den Tieren mehr als den Menschen. Einige trauen sich selbst nicht, doch immer wieder gibt es zwei, die es wagen, sich zu trauen.

Selbstvertrauen ist wichtig, Gottvertrauen nicht zwingend notwendig. Vertrauensselige sind nicht immer vertrauenswürdig. Vertrauen zu schenken, Vertrauen zu haben und vertrauensvoll zu sein – all das bestimmt unseren Alltag – aber woher kommt Vertrauen und wie wichtig ist es tatsächlich? Begleiten Sie mich auf eine kurze Reise durch dieses vertraute Phänomen.

Erzähle ich jemandem, was gerade in meinem Kopf vorgeht, hoffe ich, dass dieser Mensch mich nicht enttäuscht. Ich hoffe, dass er es nicht gegen mich verwendet oder weitererzählt, was ich ihm anvertraue. Vollständige Sicherheit habe ich dabei nie, denn immer schwirrt da auch diese manchmal ganz leise, aber immer hörbare Stimme mit: Kann ich mir sicher sein, dass ich ihm trauen kann? Vertrauen brauchen wir nur, wenn wir keine Kontrolle über etwas haben und uns Informationen über die Absichten eines anderen fehlen. Dabei ist Vertrauen nicht das einzige Gefühl, das entsteht, wenn keine Kontrolle vorhanden ist. Ohne Kontrolle ist oft auch die Angst nicht weit entfernt.

Angst ist der Gegenspieler des Vertrauens. Menschen, die keine Angst haben, also psychopathisch veranlagt sind, können auch kein Vertrauen in andere Menschen haben. Angst verhindert und ermöglicht das Vertrauen also gleichzeitig. Es braucht ein Minimum an Angst, um überhaupt Vertrauen zu spüren. Wie Vertrauen entsteht, können Neurowissenschaftler bisher noch nicht erklären. Erwiesen ist jedoch, dass Vertrauen dann entsteht, wenn die Aktivität in den Hirnregionen niedrig ist, die uns anzeigen, dass Gefahr droht. Letztens habe ich einem Kind beim Spielen zugeschaut. Der Kleine ist ausgebüxt, hat sich auf einer Wiese auf die Decke einer anderen Familie gesetzt und mit dem Spielzeug gespielt, welches dort lag. Keinen Augenblick hat er gezögert, voller Selbstbewusstsein und Neugierde ist er auf die Decke marschiert. Kein Blick zurück zur Mama. Wieso fühlt er sich so sicher, dass er nicht einmal zurückblickt? Weshalb ist bei mir selbst die Stimme des Misstrauens oft so laut? Wie vertrauensselig oder misstrauisch ein Mensch ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Die Faktoren unterscheiden sich je nach Fachperson, die darüber Auskunft gibt. Was aber bei allen deutlich wird, ist, dass die frühe Kindheit eine wichtige Rolle spielt.

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Urvertrauen und die Entwicklung einer sicheren Bindung

Der Begriff des Urvertrauens ist nicht klar definiert. Vielleicht lässt es sich als Gefühl beschreiben, sich einer Situation auszusetzen, ohne sich vorher zu fragen, ob man diese Situation auch tatsächlich meistern kann, ohne sich zu fragen, was andere Beteiligte darüber denken oder ob sie einem schaden könnten. Vielleicht ist es dieses unvoreingenommene Sich-Einlassen darauf, was gerade ist, und es mit Neugier und Offenheit zu erkunden, frei von Ängsten und Zweifeln.

Die Bindungstheorie von John Bowlby geht davon aus, dass jedes Kind zu Beginn seines Lebens die Bereitschaft mitbringt, eine vertrauensvolle Beziehung mit seinen Bezugspersonen einzugehen. Von Geburt an versuchen Kinder mit Blickkontakt, Klammern oder verschiedenen Lauten eine Bindung zu einer Bezugsperson aufzubauen. Reagieren die Eltern nicht nur auf die Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Pflege, sondern auch auf den Wunsch des Kindes nach Interaktion und Nähe, dann entwickelt es nach Bowlby ein «inneres Arbeitsmodell» für den Umgang mit sich selbst und der Welt. Es lernt, dass es in Ordnung ist, seine Bedürfnisse zu äussern, denn auch wenn die Bedürfnisse nicht sofort gestillt werden, kümmert sich die Bezugsperson um das Kleine. Es merkt, dass es vertrauen kann, und entwickelt eine sichere Bindung. Reagieren Eltern hingegen nicht oder unangemessen, fühlt sich das Kleine nicht verstanden und nicht angenommen, was dazu führt, dass es einen unsicheren Bindungstyp entwickelt. Spannend dazu sind auch die Still-Face-Experimente, die zeigen, dass Babys misstrauisch, unruhig, ängstlich und verzweifelt reagieren, wenn die Bezugsperson keine Mimik zeigt. Zentral ist: Die Bereitschaft, Bindungen einzugehen, ist uns in die Wiege gelegt, der Bindungstyp jedoch nicht. Wie Bindung funktioniert, lernen wir erst durch Interaktion mit Bezugspersonen. Für misstrauische Menschen wohl eine erleichternde Erkenntnis – man kann Vertrauen lernen. Je nach Erfahrungen und Alter kann der Weg laut Andrea Schedle, einer Fachpsychologin für Kinder und Jugend­liche, lang und schmerzvoll sein. Aber wenn Menschen mit unsicherer Bindung lernen, die heutigen Situationen von den früheren zu unterscheiden, können Sie alte Überlebensmuster ablegen und sich mehr trauen.

Die Macht des Vertrauens

Ein Leben ohne Vertrauen – fast unmöglich. Im Alltag vertrauen wir ständig: dem Busfahrer, dass er uns heil zur gewünschten Haltestelle bringt, dem Nachrichtensprecher, dass er uns keine Unwahrheiten erzählt, dem Verkäufer im Supermarkt, dass er uns nichts Gesundheitsschädliches verkauft. Neben dem Vertrauen, das wir in fremde Menschen haben, spielt das Vertrauen, das wir nahestehenden Personen entgegenbringen, eine wichtige Rolle. Fühlen wir uns sicher, so sind wir bereit, unser wahres Gesicht zu zeigen. Fühlen wir uns geborgen und befinden uns in einer vertrauten Umgebung, dann denken wir nicht darüber nach, dass wir zu laut lachen, unangemessen reagieren oder falsch angezogen sein könnten. Wir sind dann bereit, wie der kleine Ausreisser von oben, einfach mal auf eine fremde Decke zu gehen und mit Offenheit und Neugierde Neues zu entdecken.

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Wie gewinnen wir Vertrauen?

Haben Sie sich schon mal überlegt, wie es Personen gelingt, ihr Vertrauen zu gewinnen? Weshalb kaufen Sie ein bestimmtes Medikament, ein bestimmtes Auto oder eine bestimmte Regenjacke? Sie erwarten, dass das Medikament wirkt, das Auto sicher fährt und die Regenjacke dicht hält. Werden diese Erwartungen erfüllt, dann vertrauen Sie dem Produkt. Sie werden es wieder kaufen, und vielleicht kaufen Sie auch andere Produkte dieses Herstellers. So verhält es sich auch bei Menschen, wir gewinnen das Vertrauen von jemandem, wenn wir seine Erwartungen erfüllen.

Aber keine Angst, um vertrauensselig zu sein, müssen Sie jetzt nicht wahllos irgendwelche Erwartungen erfüllen. Vertrauen entsteht nämlich vor allem dann, wenn Personen das, was sie sagen, auch tatsächlich tun. Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit helfen, Vertrauen zu bilden.

Oft zeigt sich der Charakter nicht nur an grossen Taten, sondern auch sanfte, kurze Berührungen können vertrauensstiftend wirken, wenn sie in den kulturellen Kontext passen. Eine Hand auf dem Arm, eine kurze Umarmung oder eine sanfte Berührung der Schulter schafft Nähe und Vertrauen.

Wieder vertrauen lernen

Wer schon einmal vom Partner oder von der Partnerin belogen oder gar betrogen wurde, der geht künftige Beziehungen wohl vorsichtiger an. Ein solcher Vertrauensmissbrauch wiegt schwer, aber auch schon «kleinere» Enttäuschungen, wenn eine Freundin das Treffen vergisst oder ein Geheimnis weitererzählt, schüren das Misstrauen. Die Konsequenzen eines Vertrauensbruchs trägt aber nicht jener, der ihn begangen hat.

Dass Vertrauen etwas Gutes ist, lässt sich nur wieder lernen, indem man sich in Situationen begibt, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass man enttäuscht werden kann. Jedoch sollte man auch immer wieder mal mit Offenheit und Neugierde fremde Decken erobern.

Madeleine Eigenmann

Mann-oh-mann!

Im letzten «Mann(oh)mann» hatten wir uns mit dem Heldentum beschäftigt und uns die Frage gestellt, wie der Mann von heute zum Helden werden kann. Vielleicht macht es Sinn, diese Frage von einer ganz anderen Seite her aufzurollen. Ein Versuch.

Frozen Shoulder – wenn die Schulter einfriert

Wenn die Gelenkkapsel im Schultergelenk plötzlich versteift, spricht man von einer Frozen Shoulder – eine schmerzhafte Erkrankung, die zu einem echten Geduldsspiel werden kann. Einige Fragen zu diesem Thema beantworten uns Dr. med. Pascal Vogt, Facharzt für Orthopädische Chirurgie, und Physiotherapeut Rob van Gelderen (Bsc Physiotherapie, Sportphysiotherapeut, MAS Manuelle Therapie).

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