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Ratgeber

Wie vertreiben Sie Ihre Wartezeit?

Wie vertreiben Sie Ihre Wartezeit?

Die Zeit des Wartenmüssens ohne Unruhe, Enttäuschung oder Ärger vorbeiziehen zu lassen, beherrschen nur wenige. Warten zu lernen, lohnt sich jedoch. Wer warten kann, wenn er warten muss, hält mit dem Leben Schritt und lässt sich durch Rückschläge weniger aus der Bahn werfen.

Schon im Kindesalter lernen wir, erst dann zu essen, wenn alle bei Tisch sitzen, wir harren aus, bis wir die Geschenke öffnen dürfen, oder gedulden uns, bis die Schulglocke klingelt. Als Erwachsene dann halten wir Ausschau nach dem passenden Partner, dem erfüllenden Job oder dem besten Angebot im Supermarkt. Jeder Tag ist voll von Wartezeit. Wir warten auf den Kaffee, den Zug, die grüne Ampel, das Rückgeld, die Lohnzahlung oder die Mittagspause.

Warten ist eine alltägliche Erfahrung für jeden von uns, schliesslich verbringen wir laut Schätzungen fünf Jahre unseres Lebens damit. Besonders gierig ist die Warteschlange, sie verschlingt fast zwei Jahre der gesamten Wartezeit. Die männlichen Vertreter unter Ihnen seien an dieser Stelle besänftigt, das Warten auf die Frau in der Umkleidekabine frisst lediglich halb so viel Zeit.

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Warten lohnt sich

Geht es nach dem Autor Leo Tolstoi, so «nimmt alles ein gutes Ende für den, der warten kann». Erstmals wissenschaftlich untersucht wurde das Phänomen des Wartens vom Psychologen Walter Mischel mithilfe des Marshmallow-Experiments. Vier- bis sechsjährige Kinder mussten sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden. Entweder konnten sie ein Marshmallow sofort essen oder mit dem Essen während 15 Minuten warten, um dann ein zweites zu erhalten.

Die Beobachtungen zeigten, dass die Kinder diverse Ablenkungsmechanismen an­­wandten, um dem qualvollen Warten zu entrinnen. Die einen versuchten, das Marshmallow zu verstecken, ganz nach der Devise «Aus den Augen, aus dem Sinn». Andere lenkten sich durch Bewegung ab, und einige schlaue Köpfe versuchten, sich dem Marshmallow langsam zu nähern, rochen daran, knabberten es an, legten es aber danach wieder so hin, dass niemand sehen konnte, dass es bereits berührt wurde.

Neben den individuellen Ablenkungsstrategien offenbarte das Experiment eine weitere Erkenntnis. Mischel befragte dieselben Kinder 13 Jahre später noch einmal und fand heraus, dass jene, die sich schon als Kind gedulden konnten, auch als junge Erwachsene geduldiger, zielstrebiger und erfolgreicher in der Schule und in der Ausbildung waren. Zudem belegte er, dass die Geduldigen besser mit Rückschlägen umgehen konnten und als sozial kompetenter beurteilt wurden. In späteren Forschungen fanden verschiedene Wissenschaftler heraus, dass ungeduldige Menschen tendenziell ein tieferes Einkommen aufweisen, weniger sparen und mehr Schulden anhäufen. Die Ungeduldigen führen instabilere Beziehungen und neigen eher zu Süchten und einem ungesünderen Lebensstil.

Wenn Sie jetzt feststellen, dass Sie eher ungeduldig sind – keine Angst, der Zug ist noch nicht abgefahren, denn Warten ist lernbar.

Warten ist lernbar

Laut Wissenschaftlern ist die Fähigkeit zu warten neben genetischen Aspekten vor allem auch von entwicklungspsychologischen und kulturellen Aspekten abhängig.

Wir alle kennen das, eine lange Warteschlange vor der Kasse und mittendrin ein kleines Mädchen, das sich die Seele aus dem Leib schreit. Nein, keine Angst, dem Kind geht es so weit gut. Obwohl, wenn Sie das Kind fragen, dann erleidet es gerade Höllenqualen, denn die Schokolade, die es ausgesucht hat, fährt gerade langsam auf dem Förderband am Einkaufswagen vorbei, in dem die Kleine sitzt. Mit entsetzter Miene schaut sie der so sehnlichst erwarteten Süssigkeit hinterher und schreit noch lauter. Sie kann nicht anders, denn Kinder entwickeln erst mit drei Jahren ein Zeitgefühl und verfügen erst ab einem Alter von fünf Jahren über die Fähigkeit, ihre Impulse zu kontrollieren. Ob diese Erkenntnis der verzweifelten Mutter an der Kasse nützt, sei hier mal dahingestellt, aber es zeigt, dass Warten erst mit zunehmendem Alter gelernt werden kann.

Nicht nur das Alter spielt eine Rolle, sondern auch das Umfeld, in welchem das Kind aufwächst. Stellen Sie sich vor, Ihr Arbeitgeber sagt Ihnen: Wenn Sie noch ein halbes Jahr warten, erhalten Sie eine Lohnerhöhung. Sechs Monate später passiert nichts. Gut, Sie sind frustriert und warten nochmals sechs Monate, ohne die frohe Botschaft einer Lohnerhöhung. Diese Situation führt dazu, dass Sie das Vertrauen in die Person verlieren, sich nicht ernst genommen fühlen und vielleicht sogar überlegen zu kündigen. Ein Kind in einem unbeständigen und nicht verlässlichen Umfeld kann weder kündigen noch hat es die Fähigkeit, sich kritisch zu äussern und sich gegen die Eltern aufzulehnen. Das Kind lernt in diesem Umfeld, dass Versprechen nicht zwingend gehalten werden und sich Warten somit nicht lohnt.

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Wenn wir das Umfeld anschauen, spielen auch kulturelle Aspekte eine besondere Rolle. So sind deutsche Kinder beispielsweise deutlich ungeduldiger als kamerunische, wie Bettina Lamm von der Universität Osnabrück herausgefunden hat. Neben den kulturell geprägten Werten spielt auch der Umgang mit der Zeit eine wichtige Rolle. Waren Sie schon mal in Südamerika und mussten dort auf den Bus oder auf einen Geschäftspartner warten? In diesen Kulturkreisen ist Warten keine verlorene Zeit. Die Zeit – Jahreszeiten, Mondzyklen, Tage und Nächte – kehren wieder, so der Glaube dieser Kultur. Die Zeit ist zyklisch, im Gegensatz zu unserem linearen Verständnis der Zeit. Wir sehen das Leben als Reise hin zu einem bestimmten Ziel. Die Zukunft soll etwas bringen, was gerade jetzt nicht vorhanden ist, und wenn wir auf dieser Reise warten müssen, dann empfinden wir das als Störung, als Hindernis, weil es dazu führt, dass unser Ziel weniger schnell erreicht wird.

Warten können somit auch Erwachsene lernen, wenn Sie bereit sind, ihre Zeiteinstellung zu hinterfragen. Fragen Sie sich doch gerade jetzt, ob das, was sie in der nächsten Stunde als so dringlich ansehen, wirklich so wichtig ist. Testen Sie bei der nächsten Gelegenheit, bei der Sie anstehen – und die kommt bestimmt –, ob es Ihnen gelingt, nicht das Ziel, sondern den Augenblick zu fokussieren. Amüsieren Sie sich über die zerknirschten Grimassen der Wartenden oder lenken Sie sich ab, indem Sie ein Gespräch beginnen – vielleicht sogar über das Warten. Ändern können Sie meist nicht, dass Sie warten müssen, aber wie sagt ein passendes Zitat: «Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Grosse vergebens warten.» Suchen Sie während ihrer alltäglichen Wartezeit das kleine Glück, und vielleicht hat es Grosses vor mit uns. In diesem Sinne: Machen Sie erst mal nichts und warten Sie es ab.

Madeleine Eigenmann

Ich muss hinaus in die weite Welt

Ich heisse Susanne, bin 1941 im Appenzellerland aufgewachsen und war von Beruf Krankenschwester. Während meiner Ausbildung besuchte ich regelmässig die Proben eines Chors. Sie waren für mich eine Möglichkeit, mich ausserhalb des Spitalcampus mit der Stadt und ihren Menschen vertraut zu machen. Ich kannte niemanden und ich fühlte mich sehr alleine. Auch im Personalhaus fühlte ich mich anfänglich sehr fremd. Das Haus war düster und kahl, die unregelmässigen Arbeitszeiten verhinderten viele Kontakte.

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